Tag 7: Ordnungstausch (Freier Wille)

Ich möchte noch einmal auf die Wahlfreiheit zurückkommen. Ich frage mich, wie einander gegensätzliche Entscheidungen zweier Individuen zu einer freien Wahl jedes einzelnen führen können. Wenn ich zum Beispiel entscheide, diese Unterhaltung fortzusetzen und Sie entscheiden, sie zu beenden, sind wir dann beide noch frei?

Es entsteht natürlich ein Gegensatz, insofern als es für mich jetzt schwieriger ist, Sie hinauszukomplimentieren. Und Sie haben es schwerer, mich zum Weiterreden zu überreden. Wir könnten zwar wieder auf die Frage verweisen, warum wir uns erst in diese Situation gebracht haben. Aber eine grundsätzliche Lösung sollte man nicht "nach hinten" verschieben. Sie muss auch hier und jetzt gelten.

Darauf wollte ich hinaus.

Also abgesehen vom Ursprung der Situation müssen wir - so wie wir uns kennen - auch in ihr noch ein gewisses Maß an Freiheit haben.

Nicht nur in ihr, sondern überall! Denn solche Gegensätze dürfte es ja auf allen Ebenen des Bewusstseins geben. Jedenfalls auf den endlichen.

Okay, aber der Reihe nach. Und reden wir lieber vom Gewahrsein, denn das verweist unmittelbar auf die Übergänge zwischen allen Individuen.

Einverstanden.

Wenn meine Entscheidung eine ganz bestimmte Entscheidung von Ihnen erfordert, muss diese Welt, in der Sie genau so und nicht anders entscheiden, in einem letztlich grenzenlosen All-das-was-ist realisiert werden. Und die Welt, in der Sie anders entscheiden, ebenso, denn ich hätte ja auch anders entscheiden können - in Ihrem Sinne.

Also wird jede Version realisiert. So wie in der Viele-Welten-Deutung der Quantentheorie?

Die Quantentheorie bietet in ihrer heutigen Form bestenfalls Gleichnisse für dieses Geschehen im täglichen Leben. Wir brauchen sie zu seiner Erklärung nicht. Wir wissen doch auch so, dass jede Welt individuell ist und realisiert werden muss, wenn das Universum keine endgültigen Grenzen hat. Mit der I-Struktur haben wir auch eine Begründung für die Nähe der Alternativen und statt Zufall haben wir eine echte Wahl zwischen ihnen.

Spalten wir aber mit der Wahl unsere Welt ebenso auf wie in der Quantendeutung? In Ihrer Welt habe ich entschieden zu gehen und in meiner haben Sie entschieden weiterzusprechen?

"Aufspaltung" trifft es nicht. Für die sogenannte Vergangenheit muss ja grundsätzlich das Gleiche gelten wie für die Gegenwart. Es sind unterschiedliche Entwicklungs- beziehungsweise Entscheidungswege, die sich treffen und trennen und zwischen denen ein ständiger Wechsel stattfindet. Die Wahrnehmung all dessen ist das individuelle Gewahrsein.

Ich bin mir also, obwohl ich hier bleibe, auch der Welt gewahr, in der ich gegangen bin?

Nur weniger bewusst, ja. Ich bin mir einer solchen Welt auch gewahr, aber auf meine Weise. Ebenso wie mir in einer Welt, in der Sie gegangen sind, diese Fortsetzung der Unterhaltung weniger bewusst ist, eher traumhaft, als entschwindendes Potential.

Nun könnten Sie sich aber ganz und gar dafür entscheiden, mich rauswerfen zu lassen. Und ich könnte letztlich nichts dagegen tun. Wo ist hier meine Freiheit?

Sie könnten sehr wenig dagegen tun. Nichts ist hier ganz und gar, sonst wären Sie schon weg. Doch die Frage ist berechtigt. Erinnern wir uns an All-das-was-ist, das in jedem Moment ein anderes unendliches Gewahrsein einnimmt. So einem Gewahrsein entspricht sowohl Ihre Realität als auch meine und sowohl unsere kollektive Näherung, in der Sie hier sind, als auch diejenige, in der Sie weg sind. Es gibt also letztlich keine widersprüchlichen Realitäten, weil sie nicht gezwungen sind, sich unter widersprüchlichen Bedingungen zu vereinigen.

Mit "widersprüchlich" meinen Sie wieder selbsterzeugte "Widersprüche in sich", nicht kollidierende Entscheidungen?

Ja, Widersprüche zu den eigenen Voraussetzungen, etwa wenn wir beide darauf bestünden, uns in derselben Realität durchzusetzen. Dann endet es mit Handgreiflichkeiten, und spätestens wenn die Polizei eintrifft, ist Ihre Freiheit im Eimer.

Es gibt aber doch keine selben Realitäten…

Nein, richtig. Erst wenn wir beginnen uns zu schlagen, schränken wir uns gegenseitig ein, denn das war es eigentlich nicht, was wir wollten. Wir haben beide versucht die Entscheidungsfreiheit des anderen zu begrenzen. Das ist hier der Widerspruch in sich: Wir können nicht Gegensätzliches wollen, ohne dem anderen eine Alternative zu lassen. Das ist ein selbstkonstruiertes Problem.

Nach Ihrer Theorie müsste sich dieses Problem aber dennoch auflösen, indem der eine letztlich einwilligt zu verlieren.

Nur eben zu spät, um die ungewollte Situation zu verhindern. Wenn wir es zum Extrem kommen lassen, können wir auch beide verlieren, indem wir uns gegenseitig umbringen. Doch wir können nicht beide gewinnen, ohne die selbstgewählten Voraussetzungen zu ändern.

Die Frage wäre dann also: Wie stimmen wir uns miteinander ab, eine bestimmte Situation entstehen zu lassen, beizubehalten und zu ändern?

Also eine "kollektive" Realität zu bilden, eine ihrerseits individuelle Näherung des Wechsels zwischen Individuen. Wie einigen wir uns auf irgendetwas? Wie treffen wir eine gemeinsame Wahl?
Wie gehabt können wir natürlich sagen, All-das-was-ist entscheidet als Ganzes und wir sind der aktuelle Gipfel, der daran beteiligt ist und das Ergebnis erlebt. Aber wir erleben uns ja als unterschiedliche Individuen und wollen auch wissen, wie diese einzelnen Phasen des allumfassenden Wechsels zusammenwirken.

Genau. Raus damit!

Ich nehme wieder den Begriff "Fokus", weil er so schön simpel ist. Eigentlich geht es, wie gesagt, immer um Gewahrsein, um dessen wechselnde bewusste Gipfel.

Ja, klar. Fokus ist gut. Ein verschiebbares Bewusstsein innerhalb einer diffuseren Gesamtheit kann ich mir besser vorstellen.

Der Fokus wechselt also zwischen Teilaspekten eines umfassenderen Fokus und ebenso zwischen diesem Ganzen und den Teilen. Alles ein einziges Gewechsel.

Damit ist die Gesamtsituation beschrieben?

Ja. Zum Beispiel wechseln wir die Blickwinkel, wenn wir uns alternative Fortsetzungen vorstellen, wenn wir uns ein bisschen ineinander hineinversetzen, wenn wir diskutieren. Diese dynamische Situation hat einen Gesamtmittelpunkt und jeder Teilfokus hat seinen eigenen. Und alles ist i-strukturiert.

Jetzt kommt's.

Aus der Einheit mit diesen Zentren werden ständig Entscheidungen getroffen. Da allerdings die Teilfokusse in die Bestimmung des Gesamtfokus eingehen, ist ihr Bezug zum Gesamtmittelpunkt größer als zu jedem bloßen Berührungspunkt zwischen ihnen. Deshalb sind die Teilentscheidungen auch stärker mit der kollektiven Entscheidung verknüpft.

Was heißt verknüpft?

Wir reden von I-Struktur. Es werden Einheiten von Umschreibungen und Zentralpunkten gebildet, die immer an irgendeiner Stelle total sind. Sowohl in den Teilumschreibungen als auch in der Gesamtumschreibung. Und in jeder Zwischenumschreibung. Und da sich die Umschreibungen zum kollektiven Zentrum hin verdichten - sich dort ihr Bezug aufeinander verstärkt - werden dort auch die Entscheidungen stärker miteinander identifiziert.

Dafür gibt es keinen anderen Begriff?

Nein, so wie es für die I-Struktur auch keinen anderen gibt. Die I-Struktur verdichtet sich. Damit ist eigentlich alles gesagt. Denn so werden die Teilentscheidungen zu einer einzigen großen Entscheidung.

Ohne Trennung?

Trennung entsteht durch Verdrängung ins Unterbewusste. Aber wir reden von bewussten Entscheidungen. Diese entstehen aus der Einheit mit der Identität, aus der Identität von Identität und Unterscheidung.

Alle entscheiden also in einem einzigen Akt zusammen?

Konsequent bewusst gemacht - ja. Nur durch ständige Verdrängung ins weniger Bewusste entsteht der Eindruck unterschiedlicher Entscheidungen. Und nun kommen Sie mir nicht mit Wechselgeschwindigkeiten! Wie die zusammenpassen, haben wir ausreichend diskutiert.

Mache ich nicht. Doch Sie müssen zugeben, dass der größte "Teil" dieser einzigen Entscheidung wieder im Unterbewussten getroffen wird.

Es ist letztlich die Entscheidung All-dessen-was-ist, dem selbst immer eine Menge unterbewusst ist. Wie sollte es für uns anders sein?

Schön, ich versuche mal zusammenzufassen: Eine Entscheidung wird aus der letztlich totalen Einheit der Alternativen - Individuen, individuelle Wege und so weiter - mit deren gemeinsamem Zentralpunkt und mit dem Druck der Wechselfortsetzung getroffen.

So haben wir es vor ein paar Tagen besprochen.

Diese Konstellation trifft auch auf jeden Teilaspekt des Gesamtwechsels zu, aber da die Teile auf ihre Gesamtheit bezogen sind, ist die besagte Konstellation um das Gesamtzentrum herum stärker konzentriert als wenn es sich nur um eine lose Ansammlung handeln würde.

Es konzentriert sich die Verwickeltheit des Ganzen und damit diejenige der zu treffenden Gesamtentscheidung. Aber Sie dürfen sie ruhig I-Struktur nennen.

Die I-Struktur, welche sozusagen Entscheidung an sich ist, wird also zusammengezogen und trifft ihre Wahl als Ganzes.

Genau. Dabei ist es natürlich zwecklos, ihre Mitte irgendwo im Zimmer zwischen uns zu verorten. Es geht ja nicht um räumliche Beziehungen. Überhaupt ist jegliche Ausdehnung nur eine Metapher für die Nachvollziehbarkeit der Wechsel. Wir haben infinitesimale Zentren an jeder Stelle, auch "zwischen" Teil und Ganzem, was auch immer das "räumlich" bedeuten mag. Wenn sich die I-Struktur verdichtet, nimmt allseits die Einheit von Identität und Unterscheidung zu, was Notwendigkeit und Zufälligkeit verringert und die Wahlfreiheit erhöht. Mit Informationsübertragung und ähnlichen Bewegungen können wir das nicht annähernd erklären. Aber sie sind Teilaspekte dieses Ereignisses.

Sie postulieren also ein völlig neues Geschehen jenseits von Übermittlung und Gleichzeitigkeit?

Nicht jenseits, sondern diese einschließend als begrenzte Wahrnehmungen, Abstraktionen, Näherungen. Was würde es denn in unserem Beispiel bedeuten, eine gewaltlose gemeinsame Entscheidung zu treffen, obwohl wir uns zunächst uneins sind? Wir würden miteinander reden, Befindlichkeiten und Argumente austauschen, also sogenannte Informationen. Eigentlich aber werden individuelle Standpunkte gewechselt, also Gipfel des Gewahrseins. Wir ändern unsere Potentiale und ihre Bedeutung für unser Potential und so weiter, Rückkopplungen, Umschreibungen. Verstehen Sie, was ich meine?

Ja.

Aus diesem ganzen Gewechsel und Umgeschreibe können wir Laute oder Schriftzeichen abstrahieren, die in ähnlichen Zusammenhängen häufig ähnliche Bedeutungen haben. Das sind quasi unsere Informationsbits, wobei sofort klar ist, dass ein Bit nur im Zusammenhang Bedeutung hat. Es ist die Kondensation eines größeren Zusammenhangs zu einem kleineren Zusammenhang - frei im Raum schwebendes Bit - der aber den Bezug zu seinem Ursprung nie verliert. Denn wenn uns der Empfänger der kleinen Bit-Zusammenhänge verstehen will, muss er gelernt haben, in welchen größeren Zusammenhang sie zu stellen sind. Was wir austauschen, sind also keine nackten Informationen, sondern Kontexte. Allerdings nur zu Bruchteilen, eben Bits, da der Rest vergleichsweise unverändert bleibt. Dieser wurde nämlich schon vorher ausgetauscht - gelernt.

Interessant. Was aber, wenn wir gar nicht reden und keine Miene verziehen, sondern jeder nur im Begriff ist, das Gegensätzliche zu tun: Sie wollen aufstehen und das Gespräch beenden, aber ich bleibe sitzen? Wie kommen wir dann zu gemeinsamen Entscheidungen?

Wie wäre es mit einem Blickduell?

Ernsthaft?

Na ja, es könnte darauf hinauslaufen. Nicht als Dominanzgehabe, sondern als nicht ausgedrückte Abstimmung. Bewusst oder unterbewusst.

Sie meinen telepathisch?

Vielleicht. Wie soll das ein äußerer Beobachter wissen, wenn wir es nicht ausdrücken? Wir könnten es nur als Beteiligte. Oder nicht einmal dann, falls wir uns dem inneren Ausdruck zu sehr verschließen. Wenn aber das Unterbewusste nicht völlig verschieden vom Bewussten ist - und in dem Fall könnte es kaum mit ihm verbunden sein -, dann ist es eine i-strukturierte Abstimmung aus gegenseitigem Gewahrseinswechsel heraus.

Und was ist mit dem Bit, das wir auf den Tisch gelegt haben und das von jemandem wahrgenommen wird, der nicht unseren Kontext hat. Er liest zwar etwas anderes daraus, aber etwas liest er. Wie kann er das überhaupt, wenn alles kontextabhängig ist?

Er dürfte noch nicht einmal einen reinen Unterschied lesen, meinen Sie?

So kann man es sehen.

Das stimmt, der ist auch eine Abstraktion. Wenn nicht, wäre er nämlich so konkret wie sein sogenannter Informationsträger, sagen wir ein Streichholz. Von mir aus auch ein Elektron.

Dann frage ich anders: Warum sehen sich alle Elektronen so ähnlich und vor allem: Wie treffen sie Entscheidungen, wenn sie so einfach sind?

Ah ja, jetzt könnten wir natürlich mit der Quantentheorie anfangen, die beschreibt, nach welchen Gesetzmäßigkeiten so ein Elektron erscheint, verschwindet, hüpft und wellt. Diese Wechsel erscheinen zufällig, nur statistisch vorhersagbar. Aber wir müssen verstehen, dass I-Struktur sehr viel feiner und komplexer ist als Elektronen oder Quarks. Denn sie umfasst auch "deren" sämtliche Kombinationen und Relationen, einschließlich denen des "Beobachters".
Ich kann Ihnen also nicht sagen, warum ein Elektron wo auftaucht. Doch wenn ich unsere Erkenntnisse über den Wechsel anwende, wird jede elektronenhafte Beziehung aus einem i-strukturierten Abstimmungsprozess hervorgehen, der zumindest elementare freie Entscheidungen beinhaltet.

Das klingt nach einer Subquantenebene a la David Bohm plus freiem Willen …

Ob nach Bohm oder nicht, aber Subebene auf jeden Fall. Selbst wenn wir diese Subebene sein sollten.

Wie?

Vielleicht haben wir selbst etwas an uns, das Elektronen hervorruft und auflöst. Solange ich nichts Genaueres über diese Ebene weiß, kann ich sie nicht lokalisieren.

Schön, lassen wir das Spekulieren. Die "Härte" der Materie-Wahrnehmung ist offenbar das "hard problem" - das schwierige Problem - aller idealistischen Theorien. Würden Sie sagen, dass Ihre Theorie idealistisch ist?

Wenn Sie auf dieser schiefen Einteilung bestehen, ist meine Theorie letzten Endes idealistisch. Doch sie bietet ein neues Verständnis von Bewusstsein und Materie an, wobei sie zu dem Ergebnis kommt, dass es letztlich keine Materie gibt, sondern alles Bewusstsein ist. Gewahrsein vielmehr. Ohne dieses Verständnis wird man auch meine Erklärung des freien Willens nicht akzeptieren.

Das denke ich auch. Sie setzen ja praktisch Entscheidungsfreiheit an die erste Stelle, während die Stabilität der Welt nun der Erklärung bedarf, statt andersherum.

Andersherum hat man es seit Jahrtausenden vergeblich versucht. Übrigens auch auf dem sogenannten idealistischen Weg, also mit dem Bewusstsein an erster Stelle, auf dem die Frage der Wahlfreiheit ebenso wenig beantwortet werden konnte. Man hatte keine richtige Vorstellung vom Bewusstsein und kaum eine vom Gewahrsein.

Ihr Begriff des Gewahrseins ist auch mehr als "Nondualität": konkreter, dynamisch und zugleich Ihre Erklärung von Materie.

Ja, mit ihm wird das "hard problem" zu einem "soft problem". Dann geht es nicht mehr um den Grundsatz, sondern nur noch um die zu erforschenden Details. Eine solche Bewusstseinswissenschaft wird vor allem direkte Erfahrungen zum Gegenstand haben und über die heutige Psychologie weit hinausreichen.

Wie aber erklären Sie damit zum Beispiel die fast sprichwörtliche Härte eines Billardballs? Nach Ihrer Vorstellung müssten wir doch ständig in ihn hineinfluktuieren. Warum sind wir seiner dann so stabil gewahr?

Der Ball ist natürlich nur ganz oberflächlich ein Ball. Stattdessen weisen seine Atome auf viele kleine Bewusstseinszustände hin, die wir einnehmen können. Sie sind Aspekte unseres Gewahrseins. Doch sie sind unserem bekannten Bewusstseinszustand so fern, dass wir uns ihre ständige Einnahme schwer zuordnen können. Der psychologische Umweg ist zu groß, um uns aufzufallen. Deshalb unsere Täuschung über einen äußerlich "gegebenen" Ball.
Dabei kann der Wechsel zwischen einander so ähnlichen Fokussen wie den Atomen sehr viel dichter gewickelt sein, so dass ihre gemeinsame Näherung im Vergleich zu den lockeren Umschreibungen, die wir besprochen haben, massiv wirkt. Die möglichen Dichte-Unterschiede sind nichtlinear und daher gigantisch. So täuschen sie einen grundsätzlichen Unterschied vor, den wir als Härte wahrnehmen.

Kann das auch der Grund für die größere Stabilität unserer Wesenheit sein? Sie ist doch aber kein Billardball, oder?

Meine jedenfalls nicht. Sie vereint bedeutend vielfältigere Zustände und ist deshalb eine dynamischere Ganzheit. Ihre Stabilität muss daher mehr auf einer komplexen Harmonie ihres Wechsels beruhen, statt auf einer Angleichung seiner Phasen. Dazu kommt die perspektivische Verdichtung im Trichterkanal durch unsere Unwissenheit.

Ich muss hier an Träume denken. In ihnen müssten ja ebenso Umschreibungen und Entscheidungen stattfinden, nur viel schneller.

Wenn wir unsere Träume aufmerksam wahrnehmen, und damit meine ich vor allem die Empfindungen darin, stellen wir genau das fest: Die visuell unterschiedlichsten Szenen stehen in einer rückkoppelnden Beziehung zueinander, während wir aus diesen Umschreibungen heraus mit solcher Leichtigkeit Entscheidungen treffen, dass sie uns spontan erscheinen.

Das könnten sie aber auch wirklich sein.

Selbstverständlich. Das Unterbewusste bringt Lösungsvorschläge hervor, die mit unserem traumbewussten Urteil verkoppelt und schließlich verworfen oder weiterentwickelt werden. In jeder Szene gibt es mehr Anknüpfungspunkte als im Wachzustand. Diese hohe Beweglichkeit ermöglicht ein engeres Zusammenwirken des Traumzustandes mit dem Unterbewussten: Entscheidungsfragen werden wechselweise schneller bearbeitet.

Vielleicht sollten wir uns mehr Tagträume gönnen.

Ganz genau! Wir verschleiern mit unserem Beharren auf konzentrierter Wachheit zu viele Eingebungen. Es sei denn, wir wollen gar keine. Worauf ich aber hinauswollte: Die Beweglichkeit im Traum lässt uns die hohe innere Harmonie spüren - mit etwas Mühe sogar in einem Albtraum. Und das Beste: Diese Harmonie setzt sich im Wachen fort - nur nehmen wir sie dann weniger wahr. Wenn wir das Leben wie einen Traum deuten, wird uns das bewusster. Darauf hat mich Jane Roberts' Seth-Material gebracht.

Apropos: In Ihrem ersten Buch weisen Sie noch auf einen starken Bezug zu den Seth-Büchern hin. Danach ist keine Rede mehr davon. Haben Sie sich von der Sethschen Lehre entfernt?

Seth war zu 50% meine Inspirationsquelle. Doch Inspiration bedeutet für mich Anregung zur Weiterentwicklung. Ich versuche nicht mit Seths Weisheit zu konkurrieren, doch ich habe zum Teil andere Fragen gestellt und musste sie deshalb selbst beantworten. Meine Ergebnisse widersprechen Seth nicht, aber man kann das eine Konzept auch nicht aus dem anderen ableiten. Jedenfalls nicht in den wesentlichen Punkten. Beide Darstellungen zeigen unterschiedliche Seiten All-dessen-was-ist.

Okay, Seitenwechsel: Ist ein nennenswerter Grad an Entscheidungsfreiheit auf ein Gehirn angewiesen oder zumindest auf eine sehr hohe Komplexität?

Im Grunde nur auf ein Gewahrsein. Wir haben ja sehr einfache Umschreibungen besprochen, für deren Gewahrsein kein Gehirn nötig ist. Das brauchen wir nur für unsere Diskussion. Jede kleine Wechselwirkung muss schon zwischen Ganzheiten stattfinden, also aus Umschreibungen bestehen, und verfügt mit deren I-Struktur über Freiheiten. Allerdings kann diese Freiheit wirklich nicht groß sein, sonst würden sich diese einfachen Strukturen gleich wieder auflösen und kaum als solche wirken. Dagegen ist eine komplexe Struktur innerlich flexibler und bewahrt gerade dadurch ihre Gesamtstabilität. So kann sie sich auch äußerlich mehr Freiheiten leisten.

Soweit diese nicht durch ihren Baumeister - im weitesten Sinn - eingeschränkt wurden. Wie für einen Computer.

So ist es. Dessen Beschränkung besteht vor allem darin, dass er nicht komplex ist, bloß kompliziert. Wir wollen ihn ja durch starre Programmierung kontrollieren können. Natürlich ist auch ein sich eigenständig weiterentwickelnder Roboter mit einem viel flexibleren Denkzentrum denkbar, dem wir nur wenige Rahmenbedingungen vorgegeben haben. Ob eine solche Konstruktion zu einem freien Willen führt, den man von gelegentlichen Abstürzen unterscheiden kann, bleibt abzuwarten.

Gewissermaßen sind wir damit aber wieder bei unbekannten Stabilitätsursachen - auch der Materie.

Doch wir haben jetzt ein "Material" aus dem auch Stabilitätsgesetze konstruiert werden können: Die I-Struktur oder Wechselstruktur, die sich durch alles Beliebige zieht. "Wechselwirkung" ist nur eine Vereinfachung. "Materie" auch, aber sie löst sich eine Etage tiefer auf.

Ein Stabilitäts- oder Symmetriegesetz, etwa der Energieerhaltungssatz, wäre damit eine Kondensation aus einer umfassenderen Wechselstruktur?

Ja. Wechsel ist ohnehin symmetrieorientiert, da er ja "wiederkehrt". Das Kondensieren eines Wechsels der Potentiale zu einem Gleichgewicht abstrakten Potentials - also der Energie - ist daher keine allzu große Schrittfolge. Doch wie beim Wechsel muss es auch Alternativen zur Erhaltung der bekannten Energie geben. Nur deren "Angriffsfläche" wurde durch die Kondensation verkleinert.

So könnten sich naheliegende spirituelle Sphären vielleicht doch in die Physik einmischen?

Da bin ich mir sicher. Nicht nur im Quantenbereich, sondern überall wo wir nicht "hinsehen": zwischen bewussten Wechselphasen, nahe an der Trichterachse. Das wahrgenommene Energiegleichgewicht muss dadurch ebenso wenig gestört werden wie unsere alltäglichen Handlungen durch Sekundentagträume.

Die Energieerhaltung ist also eine Kondensation aus einem vielseitigeren Gleichgewicht des Potentialwechsels. Potential aber ist kondensiertes Gewahrsein, und Gewahrsein ist i-strukturiert. Damit wären sowohl dieses Potentialgleichgewicht als auch die Energieerhaltung im Grunde freiwillige Einigungen?

Auf einem viel umfassenderen Niveau als uns bewusst ist, ja. Ein bisschen hilft vielleicht das Denkmuster der Quantentheorie weiter, das größere statistische Freiheiten erlaubt, aus denen die Energieerhaltung gemittelt wird. Möglicherweise kann man es auf Alltagssituationen erweitern wie in der Generalisierten Quantentheorie nach Harald Walach, Hartmann Römer und Walter von Lucadou. Doch ich denke, sogar das greift zu kurz.
Nehmen wir zum Beispiel das Konzept der Entropie - der energetischen Unordnung -, die in einem abgeschlossenen System ständig steigt und uns den Zugriff auf die in ihm enthaltene Energie entzieht. Die Entropie steigt allerdings auch wenn Energie in einem Schwarzen Loch aufgeht, da sie dann für uns ebenfalls weniger verfügbar ist. Nun könnten wir jedoch durchaus selbst in einem Schwarzen Loch leben, das so groß ist wie der bekannte Kosmos. Hier verfügen wir sehr wohl über diese Energie.
Worauf es also ankommt, ist die Verfügbarkeit in einem vorgegebenen System. Wenn in unserer Welt etwas zerfällt, kann sich seine Ordnung in ein anderes System zurückgezogen haben. Und wenn sie von dort in einer neuen Form wieder auftaucht, die wir noch nicht verstehen und deshalb ignorieren, ist der Kreis der Ordnungen geschlossen.

Dadurch, dass er erweitert wurde.

Weil aber Energie ohne ihre Verfügbarkeit bedeutungslos ist, sollte der Wechsel der Ordnungen zugleich als Wechsel der Energieformen verstanden werden - es sei denn, man abstrahiert bestimmte Energieformen aus diesem größeren Austausch und kondensiert so deren Erhaltung unabhängig von der Entropie. Dann hat man Energieerhaltung trotz Entropiezuwachs.

Der Knackpunkt bei dieser Betrachtungsweise ist wohl das Wiederauftauchen der verschwundenen Ordnung.

Da es keine absoluten Grenzen gibt, muss sie irgendwann auftauchen. Sogar das Schwarze Loch strahlt nach Stephen Hawking und John Preskill Energie und Ordnung in neuer Form - kodiert - wieder ab, wo­durch es letztlich "verdampft".

Was wenn die Entropie durch größere Verteilung der Energie steigt, wie bei der Ausdehnung des Weltraums? Wo soll die Ordnung dann wieder herkommen?

Gerade wenn dieser Abkühlungsprozess nicht anders nutzbar ist, könnten "Weiße Löcher" im weitesten Sinn, also Energiequellen im Raum, die verschwindende Ordnung wiederverwenden, so dass ein Kreislauf auch der bekannten Energie entsteht. Wir können aber stattdessen diese Energie auch ohne "Weiße Löcher" und trotz Abkühlung und Nutzlosigkeit als konstant betrachten. Sie entschwindet dann buchstäblich unserem Blickfeld, doch wir wollen sie nicht loslassen.

Wir sollten also besser mit dem Ordnungsgrad rechnen…

 …und unseren Begriff der Energieumwandlung zu einem Ordnungsaustausch erweitern. Damit wird er dem Potentialbegriff ähnlicher, wie ich ihn beschrieben habe. Und damit dem Gewahrsein.

Hat angesichts dieser kosmischen Maßstäbe das, was wir tun, Bedeutung für andere Individuen? Oder sind wir - Hierarchiegipfel hin oder her - nur Fünkchen im All?

Da wir alle Gipfel unseres individuellen Gewahrseins sind, das sich in alles andere Gewahrsein erstreckt, ist alles, was wir tun, im umfassendsten Sinn gleichwertig! Ganz oben ist immer nur eine einzige Bewusstseinseinheit. Der wahrgenommene Unterschied entsteht darunter - im größeren Bewusstsein - und löst sich noch weiter unten - im Unterbewusstsein - wieder auf.

Die Bewusstseinseinheit ist aber winzig! Und wenn wir das Unterbewusste bewusst machen, stellen wir den bewussten Unterschied wieder her!

Richtig. Doch Hierarchie ist Hierarchie, denn sie sind alle unendlich. Was ich entscheide, ändert die Wahrscheinlichkeiten in jedem anderen Gewahrsein und umgekehrt. Nur indem wir große Teile davon hartnäckig ausblenden, können wir unseren Einfluss vergessen oder an andere delegieren.

Ganz konkret: Wenn ich die Armut in der Welt beseitigen will, kann ich dann mehr tun als Spenden und Petitionen unterschreiben?

Sie tun bereits mehr, indem Sie etwas anderes wollen! Selbst wenn Sie gar nicht aktiv werden. Denn was Sie denken, fühlen, glauben und wünschen geht in den Fokuswechsel Ihres Gewahrseins ein und damit in das Gewahrsein aller anderen. Diese können das neue Potential zwar blockieren, denn sie entscheiden ebenso frei. Doch die Wahrscheinlichkeitsverteilung ihrer Alternativen hat sich bereits geändert.
Wenn Sie wirklich anders denken, werden Sie bald auch anders handeln. Das ist allerdings "nur" der sichtbare Teil, der seinerseits die unsichtbare Fokussierung stärkt. Insgesamt schaffen wir ein weltweites Kollektiv auf einander ähnlichen Wahrscheinlichkeitslinien. Mehr können wir kaum erwarten, da die Stabilität einer Situation auch tiefere Ursachen in uns selbst hat, die wir gar nicht ändern wollen und die uns meist auch wenig bewusst sind. So kann der Unterschied zwischen Arm und Reich zum Beispiel eine durchaus willkommene Herausforderung sein - für beide Seiten. Unabhängig davon, wie wir sie bewältigen.

Dennoch kann die Erkenntnis, ein absolut einmaliges Individuum unter anderen zu sein, einen Einsamkeitsschock auslösen!

Dagegen muss die Erkenntnis helfen, dass wir eigentlich sogar viel enger verbunden sind als wir dachten, nur eben anders, dynamisch. Manche verwässern jedoch diese Verbindung gleich wieder zu einem diffusen Alles-ist-Eins-Bewusstsein, das zweifellos bequemer ist, aber nur ein Gefühlsbedürfnis befriedigt.

Was halten Sie denn in diesem Zusammenhang von der vielbeschworenen Liebe?

Das kommt darauf an, wie man Liebe versteht. Ich glaube, Sie meinen weder Sex noch Verliebtheit, denn beides ist ja eher befristet.

Und beliebiger, als mir lieb ist.

Ich weiß, was Sie meinen. Immerhin liegt dem bei vielen Menschen ein langfristiges Bedürfnis zugrunde: Sie wollen die Bindung aufrechterhalten und ausbauen. Was aber suchen sie über den Rausch hinaus? Eine sanftere Form, okay. Mittlerweile glaube ich allerdings, wir sollten unser Verständnis von Liebe entweder erweitern oder über diesen Begriff hinausdenken. Liebe ist das Ergebnis von etwas, dass wir nach heutigem Verständnis nicht so nennen würden.

Was könnte das wohl sein? Etwa Ihre I-Struktur?

Wenn Sie sie einmal unvoreingenommen betrachten, was empfinden Sie da?

Höchste Abstraktion, würde ich sagen. Und ein gewisses "Schwimmen".

Vielleicht ist das nur so, weil wir auf unser Denken angewiesen sind, das nicht alle Aspekte begreift. Wenn wir andererseits nur auf Gefühle setzen, haben wir ein "Verschwimmen". Eine tiefere Wahrheit würde auch in Form von Empfindung, Gefühl und Gedanke auftauchen. Sie hätte aber eine eigene Qualität, eine Feinheit und Klarheit, die - wenn sie harmonisch ist - umfassender befriedigt.

Ist das der sogenannte Erleuchtete Zeuge?

Ich weiß es nicht. Von einem Erleuchteten erwarte ich jedenfalls nicht ständigen Gleichmut - wie langweilig! -, sondern dass er auch dann, wenn er sich aufregt, weiß was er tut. Allerdings nicht, dass er alles steuert, nur dass er es im Notfall könnte.

Ich habe Ihnen zugehört, aber ich musste mir gerade notieren, was mir beim Stichwort I-Struktur einfällt:
  • Wechselweise Identifikation mit mir, dem anderen und dem Ganzen
  • Gegenseitige Einfaltung und Entfaltung der Wechselseiten
  • Existenz im anderen
  • Spiegelung des Selbst

Und sind das nicht alles Eigenschaften der Liebe? Ob nun in Bezug auf Menschen, Gegenstände oder All-das-was-ist? Wir können noch die Potentiale des Gewahrseins hinzufügen:
  • Freiheit
  • Harmonie
  • Werterfüllung
  • Kreativität
Auch das klingt für mich wie eine Umschreibung von Liebe.


Dieser Text ist eine Auszug aus dem Buch

Bewusstsein als I-Struktur


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