Tag 5: Unzerstörbar

Ich musste darüber nachdenken, was Sie mit Gipfelung meinen. Wie kann der Ausgangspunkt einer Perspektive, ein Intensitätsgipfel der Wahrnehmung, sich aus Wechseln ergeben? Muss ich einen bestimmten Gipfel nicht voraussetzen, um über einen gewahrten Wechsel reden zu können?

So ist es letztlich. Wir gehen von einer Wahrnehmung aus. Diese ist ganzheitlich und daher einzigartig, denn jeder Vergleich mit anderen Ganzheiten würde eine neue Ganzheit schaffen. Diese einzigartige Ganzheit unserer Wahrnehmung ist daher immer der Ausgangspunkt. Sie ist der aktuelle Intensitätsgipfel. Alles was wir dann untersuchen, sind Beziehungen zu anderen Ganzheiten, ob Teilganzheiten oder außenliegende. Eben der Wechsel von Ganzheiten.

Könnte es nicht innerhalb unserer Ganzheit einen höheren Teilgipfel geben?

Wir können den Gipfel so definieren: Er ist der am stärksten das Gewahrsein bestimmende bewusste Aspekt. Ist er weniger bewusst, kann er nicht der Gipfel des Gewahrseins sein, denn wir reden ja immer von Bewusstem. Wenn er andererseits das Gewahrsein weniger bestimmt, ist er nicht die intensivste Einheit.

Doch er ist auch das Resultat wechselnder Bewusstseinseinheiten, Fokusse und so weiter?

Ja. Nur der Ausgangspunkt nicht. Wir gehen vom Gipfel aus und untersuchen seine Beziehungen zu anderen Gipfeln, die zu unserem Gipfel zurückführen. Damit haben wir allerdings unser Gewahrsein erweitert und so einen neuen Gipfel geschaffen. Dieser ist das eigentliche Resultat der Bewegung. Das Erreichen des Ausgangspunktes wäre schwieriger, aber nicht unmöglich.

Wir sind dennoch wieder bei der i-strukturierten Spirale.

Davon kommen wir auch nicht weg. Aber wir sehen nun besser, dass der Gipfel nicht das größte Bewusstsein ist. Wie sollte er auch? Er ist der Trichterrand, nicht der Trichter. Er könnte sogar eng um das Zentrum herum liegen. Wichtig ist, dass von ihm die maßgeblichen Entscheidungen ausgehen.

Ah, ich verstehe. Deshalb muss er der bewussteste Aspekt sein, weil alle Entscheidungen per Definition bewusst getroffen werden.

Oder weil alles Bewusstsein ist und daher ständig entscheidet.

Wenn also ein Teilgipfel höher wäre, bestimmender, wäre das größere Ganze weniger bewusst.

Ja. So ist das etwa, wenn man mit den, äh…, Hoden entscheidet. Zum Beispiel.

Ja, hm. Dann ist es aber auch kein Teilgipfel.

Nein, der volle Gipfel.

Andere Frage: Die Bewegung einer Ganzheit folgt den Entscheidungen ihrer I-Struktur, hatten wir festgestellt. Sie hat sehr unterschiedliche Alternativen: langsame und schnelle, diese oder jene Richtung. Wie kommt es dazu, dass sie einen schnelleren Wechsel zugunsten eines langsameren "überspringt", dass ihr Zugänge zu höheren Frequenzen "entschlüpfen", wie Sie sagten?

Wechsel ist ja von Natur aus sprunghaft. Scheinbare Kontinuität kommt nur durch dicht beieinander erfahrene Ganzheiten zustande. Wir können deshalb auch sehr weite Sprünge machen: Sagen wir von der Couch ins Sternsystem Alpha Centauri und zurück zu unserem Bier - wobei wir aber nur Couch und Bier aufeinander beziehen und den Rest für Blödsinn halten. Es ist also die Bewertung, die Auswahl des Gipfels aus dem Gesamtwechsel, die den Unterschied macht.

Und wer trifft diese Auswahl?

Wir tun es, indem wir uns für Prioritäten entscheiden, für eine bestimmte Perspektive des Gesamtwechsels. In dieser sind wir uns der Sterne nur entfernt gewahr. Stattdessen haben wir den Wechsel zwischen Couch und Bier quergedreht, verlangsamt, quasistatisch bewusst gemacht.

Haben wir dazu die Richtung des Gesamtwechsels geändert?

Wir haben einen bestimmten Wechsel aus anderen Wechseln herausgeformt. Dadurch haben wir den Gesamtwechsel umstrukturiert. Ja, ja, bis ins Unendliche.

Wir haben immer eine Perspektive…

…und ändern nichts als diese Perspektive. Aus dem unendlich Großen und Schnellen könnten wir prinzipiell alles herausformen - durch Entscheidungen des bereits Geformten - wenn wir uns nicht so eingeschachtelt hätten, dass uns nur noch wenig einfällt. Indem wir eine neue Form des Wechsels wählen, wählen wir eine neue Ganzheit und eine neue Perspektive und umgekehrt:

Form = Ganzheit = Perspektive

Ein Chaos oder ein Kontinuum kann nichts wählen. Also muss die Wahl letztlich von All-dem-was-ist ausgehen als der größten Form, dem größten Bewusstsein überhaupt.

Ganz genau. Letztlich ist alles eine "göttliche" Wahl. Aber nicht ohne uns zu fragen.

All-das-was-ist erschafft uns, um uns nach unserer Meinung zu fragen?

Nicht nur nach unserer Meinung, sondern nach unserer Entscheidung. Alles ist i-strukturiert und entscheidet daher ständig zwischen alternativen Fortsetzungen seines Wechsels. Intuitiv, ganzheitlich wohlgemerkt.

Was auch immer das bei meiner Untertasse bedeutet.

Ihre Untertasse wurde geschaffen, um Ihr Geschweppertes aufzuhalten, nicht um sich davonzustehlen. Sie darf sich bestenfalls innerhalb von 1 mm Spiel links oder rechts von der Tasse entscheiden.

Aber wie macht sie das? Sie ist aus Porzellan!

Wie kommen Sie dann darauf, dass es eine Untertasse ist?

Ich nehme sie als solche wahr.

Nur deshalb wird sie als solche benutzt, nur deshalb "ist" sie eine solche. Wenn sie sich also in die Küche bewegen will, machen Sie das mit ihr.

Weil sie nur in meiner Wahrnehmung als Untertasse existiert…

Genau. Die Entscheidung zum Wechsel in die Küche wird von der Ganzheit aus Untertasse und Kaffeetrinker und sonstigen Umständen getroffen. Dabei haben Sie zweifellos das Privileg, sich mit dem Gipfel der Situationswechsel-Gesamtheit identifizieren zu dürfen. Also mit dem bestimmendsten Aspekt. Doch falls sich der Kaffee als Plörre erweist, kann sich das kurzzeitig ändern.

Wird dann der Kaffee entscheiden, dass ich ihn wegschütte?

In der Gesamtheit aus Kaffee und Trinker hat er kurzzeitig die Regie übernommen. Sie dagegen haben sich auf Ihre Reflexe reduziert. Erst danach erinnern Sie sich an Ihr Vetorecht und trinken ihn vielleicht doch noch.

Was, wenn ich den Kaffee gar nicht anrühre? Entscheidet er sich zu verdunsten oder macht er das einfach, weil er heiß ist?

Ich würde sagen, weil er heiß ist.

Also keine Entscheidung?

Ich maße mir nicht an zu beurteilen, ob er nicht über die eine oder andere Dampfschliere entscheiden kann. Ebenso wenig auf welche Weise die Untertasse daran beteiligt ist, ob Sie 1 mm weiter rechts oder links abgesetzt wird. Auch Physiker können das ehrlicherweise nicht, sondern berufen sich auf die Chaostheorie.

…die unendlich geringfügige Auslöser für größere Veränderungen verantwortlich macht.

Aber wenn Sie eine Situation so weit einschränken, dass nur noch minimale Spielräume bleiben, brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn das dann auch so ist.

Das ist interessant. Denn eigentlich sehen wir es ja anders herum: Die Welt ist relativ starr und wir sind flexibel und bewusst genug, aktive Entscheidungen zu treffen, frei oder nicht.

Wenn sie nicht frei sind, sind es keine Entscheidungen. Das nur nebenbei. Warum Ihr Kaffee überhaupt dampft, kann ich auch nur physikalisch erklären. Doch ich kann jetzt fragen, warum so etwas unter ähnlichen Bedingungen immer ähnlich geschieht, wenn es nach allgemeineren logischen Erwägungen ein gewähltes Geschehen sein muss. Ein Physiker dagegen würde bei der Feststellung eines sogenannten Naturgesetzes aufhören.

Die Frage lautet also: Wer hat dieses Gesetz warum gewählt? Oder sollten wir sagen "beschlossen"?

Da uns die Antwort nicht bewusst ist, müssen wir sie im Unterbewussten suchen. Damit meine ich natürlich alles Bewusste, dessen wir uns gewahr, aber so gut wie nicht bewusst sind. Alles im Kanal des Realitätstrichters.

Bis hin zu All-dem-was-ist?

Ja, denn wie Sie selbst schon festgestellt haben, hat alles, was wir wahrnehmen, dort seinen Ursprung beziehungsweise ist daran angeschlossen. "Beschlossen" halte ich übrigens für sinnvoller, da hier die Stabilität gleich mit gewählt ist. Wir müssen uns daher weder bei jedem Schritt Gedanken machen, ob der Erdboden hält, noch ob der Kaffee beim nächsten Schluck gefriert. Das ist doch sinnvoll, oder?

Durchaus.

Wenn wir uns also darauf einigen können, dass alles im Grunde gewählt ist, kann uns die Frage, warum es Gesetzmäßigkeiten gibt - noch so eine Begriffsfeinheit - ebenso wenig wundern wie einen Physiker. Wir müssen uns wie dieser nur um die Details kümmern. Allerdings mit einer anderen Betonung.

Einer spirituellen Betonung.

Und ohne die Physik auszuschließen. Sie ist das Resultat unbekannter Entscheidungsprozesse.

Bei den spirituellen Details tappen wir aber im Dunkeln.

Weil wir nicht nach ihnen suchen. Würden wir den gleichen Forschungsaufwand in dieser Richtung betreiben wie in der Physik, wären wir in jeder Hinsicht weiter.

Gut. Können Sie diesen Entscheidungsprozess angefangen von All-dem-was-ist kurz zusammenfassen?

Nun, All-das-was-ist hat als komplexestmögliche Struktur nicht nur die größte Auswahl an Alternativen, sondern auch die größte Dichte an bewussten Entscheidungsmomenten. Es kann alles Beliebige wählen, es ist reines Potential.

Ist das dasselbe wie Energie?

Nein, Energie ist abstrakt. Potential ist immer auf Konkretes bezogen, jedenfalls in diesem Zusammenhang. Sogar wenn alles Konkrete gemeint ist, geht es nicht in einem Fluss oder Stau auf, sondern bleibt im Wechsel als solches erhalten.

Einverstanden. Was also wählt All-das-was-ist jetzt?

Da es Einheit und Struktur vereinen muss, läuft es insgesamt auf eine hierarchische Ordnung hinaus. Andere Varianten können nicht den gleichen Existenzumfang beanspruchen. Sie haben nicht den gleichen Grad an Ordnung, und viele fallen qualitativ zusammen: Eine Nebelwand unterscheidet sich kaum von der anderen und kann im Spektrum der möglichen Ordnungen nicht so viel Platz beanspruchen wie strukturiertere Varianten.

Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was die meisten Physiker sagen.

Sie denken anders. Sie kombinieren Mikrozustände nicht wirklich und zählen doch deren Kombinationen. So kommen sie zu einer hohen Wahrscheinlichkeit chaotischer Zustände. Und dann brauchen sie einen nicht näher erklärten "Urknall", um das Vorhandensein von Ordnung überhaupt auf etwas zurückzuführen. Aber wo kommt die Ordnung des Urknalls her?

Sie ähnelt ein bisschen dem, was Sie gerade beschrieben haben: Ordnung weil schließlich nichts anderes übrig bleibt.

Ein bisschen, ja. Doch es ist eine tote und beschränkte Ordnung, der es, wie wir gesehen haben, an Konsequenz fehlt. Ihr fehlen Ganzheit, Wechsel, Bewusstsein, Offenheit…

…und damit Wahlfreiheit.

Obwohl es natürlich eine Wahl jedes Forschers ist, diesen Preis zu zahlen und von der Individualität der Wahrnehmung und dem eigenen Bewusstsein zu abstrahieren.

Machen wir mit der Wahlfreiheit weiter. Ergibt sich aus ihr auch jetzt noch Ordnung?

Wo kämen wir sonst hin? Im Ernst: Vergleichsweise große Ballungen von Bewusstsein können wir selbst kaum erfassen, weshalb wir sie nur weit unten im Kanal des Realitätstrichters gewahren, als tiefe Ahnung sozusagen.

Diese Ahnung könnte aber sehr diffus sein.

Eine infinitesimalere I-Struktur würde ich sie nennen. Das ist etwas anderes als ein Kondensat. Die Wechselpfade mit dem Tieferen bleiben erhalten und sind nur eng gebündelt. So können wir auch alles wiederfinden, wenn wir uns öffnen. Aber nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit.

Wie das?

Wechsel = Bewusstsein = Entscheidungsfreiheit. Wissen Sie noch?

Wir wissen also nicht, ob wir beim Eintauchen das Richtige wählen?

Wir wissen nicht, ob unser Unterbewusstsein das Richtige wählen wird. Oder ob das, was wir suchen, sich inzwischen verdrückt hat. Aber immerhin können wir die nächstgrößere Bewusstseinsballung in unserem Unterbewusstsein als Wesenheit ansehen. Ihr entspringen wir im Trichterbild und wechseln ständig in sie hinein und zurück, woran wir uns aber kaum erinnern. Eher als traumartige Empfindung oder Intuition. Das habe ich in Die Erschaffung der Realität ausführlich beschrieben.

Ja, die Wesenheit ist aus verschiedenen Gründen stabiler und daher unser Ankergrund.

Da ihr dies bewusster ist und wir ihre "Kinder" sind, und da sie in der Hierarchie unserer Ganzheiten die Rolle des "Ordnungshüters" innehat, wird sie unser Verhalten zu einem nicht unerheblichen Grad bestimmen oder inspirieren. Sie liefert Impulse, die uns aus dem Trichterkanal erreichen und "von oben" gesehen schwer von unseren eigenen Entscheidungen zu trennen sind.

Nur wenn wir unser Selbstbewusstsein bemühen, wird einiges klarer.

Bis zu einem gewissen Grad. Aber letztlich fließen Impulse und Entscheidungen zusammen.

Wir dürfen also nicht auf eine endgültige Entscheidung zwischen Determination und Freiheit hoffen?

Letztlich ist alles frei - von All-dem-was-ist gewählt. Doch von uns, so wie wir uns kennen, nur zu einem relativ kleinen Teil. Und wir wissen oft noch nicht einmal zu welchem.

Das klingt nicht wie bewusste Realitätserschaffung.

Im Vergleich zu einer durch und durch bestimmten oder zufälligen Welt ist es viel mehr, was wir erschaffen können! Doch die Entscheidungen allen Bewusstseins fließen ein und strukturieren die Wahrscheinlichkeiten vor, die uns zur Verfügung stehen. Wir agieren also in einer Wahrscheinlichkeitshierarchie, die wir mit unseren eigenen Entscheidungen ebenso umstrukturieren wie alle anderen Individuen.

Deshalb fliegen wir nicht zu Alpha Centauri, sondern bleiben bei unserem Bier auf der Couch.

Offenbar ist aus dem ganzen verwickelten Gewahrsein eine hohe Wahrscheinlichkeit für die Alternativen Bier oder Saft hervorgegangen.

Traurig. Geht nicht ein bisschen mehr?

Sicher. Wir müssen Außerirdische konsultieren oder fortgeschrittene außerkörperliche Erfahrungen erreichen. Wenn ich's recht bedenke, wenig wahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Oder wir begnügen uns mit einem Teleskop.

Bloß kein Bier.

In Ihrem Buch Wahrhaftigkeit. Mit welchem Bewusstsein wir Realität erschaffen haben Sie auch Methoden beschrieben, um mehr im Leben zu erreichen als nach gewöhnlichem Weltverständnis möglich ist.

Stimmt, aber hier wollen wir ja die Grundlagen dieses Weltbildes hinterfragen.

Trotzdem: Was machen Sie, wenn Sie sich zwischen einer niedrigen, aber sehr vorteilhaften Wahrscheinlichkeit, sagen wir einem großzügigen Mäzen, und einer vergleichsweise hohen, aber nur mäßig interessanten Wahrscheinlichkeit, zum Beispiel einem bezahlten Job, entscheiden müssen? Oder peilen Sie beides gleichzeitig an?

In solchen Konflikten können wir das größte Produkt aus Wahrscheinlichkeit und Vorteil wählen. Das wäre wohl in den meisten Fällen der Job.

Ist das nicht suboptimal?

Optimal wäre, sich das bessere Leben vorzunehmen, das man sich eigentlich wünscht, wie auch immer es dazu kommt. Aber wir müssen meist auch handeln - unser Wahrscheinlichkeitsgefüge sieht dies vor - und brauchen dafür ein konkretes Ziel. Also vielleicht erst das eine und dann das andere.

Das erscheint mir trotzdem nicht sehr frei.

Die eigentliche Frage dahinter ist, warum wir uns in dieser Situation mit eben diesen Wahrscheinlichkeiten und Wichtigkeiten befinden. Sollen wir etwas lernen oder erfahren? Haben wir uns durch eigene Überzeugungen selbst begrenzt? Das wird in der esoterisch-psychologischen Literatur ausgiebig behandelt.

Na schön, bleiben wir bei den Grundfragen. Wenn Sie "erschaffen" sagen, meinen Sie damit nur die freie Wahl?

Im Grunde schon, denn diese ist es ja, die alles Weitere nach sich zieht. Aber Erschaffung bedeutet bildlich auch Hervorheben, Herausheben.

Was heben wir wo heraus?

Wir heben die Prioritäten beziehungsweise Intensitäten unseres Lebens aus allen anderen heraus, indem wir unsere Wahrscheinlichkeitshierarchie, unsere Perspektive, unser Gewahrsein mit jeder Bewegung umstrukturieren. Da alles mit allem verknüpft ist, reicht diese Veränderung ins Unendliche. Wir erschaffen sozusagen in jedem Moment ein neues Universum.

Wenn wir ein neues Universum erschaffen, was war dann vorher da?

Alle anderen Perspektiven natürlich. Sie sind auch immer noch da. Es gibt ja nur Perspektiven des allumfassenden Wechsels. Der Begriff "Universum" ist missverständlich, weil er eine für alle gleiche Welt suggeriert. So etwas kann es nicht geben. Auch lebt niemand in einer eigenen Weltblase, sondern in einem individuellen Gewahrsein des allumfassenden Wechsels.

Ich muss wieder einhaken.

Bitte.

Eine Hierarchie der Prioritäten ist doch auch eine Hierarchie unterschiedlicher Wechselgeschwindigkeiten. Wie kann mein Gewahrsein, also meine ganz individuelle Hierarchie der Wechselgeschwindigkeiten, Teil Ihres individuellen Gewahrseins sein? Sie können meinen Fokus ja nicht in der gleichen Langsamkeit erleben wie ich, sondern nur Ihren eigenen.

Raffinierter Einwand. Aber es kommt nur auf die individuellen Differenzen der Wechselgeschwindigkeiten an. Ich gewahre Ihren Fokus also wirklich schneller - und weniger bewusst - als Sie, doch grundsätzlich hält mich das nicht davon ab, Ihre Geschwindigkeits­hierarchie vollständig zu gewahren. Denn obwohl sie für mich "nach hinten" verschoben ist, bleiben mir Ihre Geschwindigkeitsdifferenzen bis ins Unendliche erhalten. Unendlich plus X minus Y ist immer noch unendlich. Dass mir Ihr Gewahrsein weniger bewusst ist, versteht sich von selbst, darüber haben wir gesprochen.

Das ist ja… Das Unendliche würde also die Form meiner individuellen Hierarchie bewahren?

Natürlich. All-das-was-ist heißt nicht umsonst so.

Aber das Universalkontinuum…?

…ist nur ein einziger Standpunkt im Wechsel All-dessen-was-ist, noch dazu einer, der nur als Extremwert innerhalb dieses Wechsels Bedeutung hat. Ich kann zwar nicht ausschließen, dass er auf etwas anderes reflektiert als Sie, aber Sie bleiben erhalten, da All-das-was-ist durch alle möglichen Hierarchien wechselt. Es ist ja unbegrenztes Potential.

Es gibt also keine Vernichtung, nicht einmal durch Auflösung im Unendlichen?

Nein, gibt es nicht. Was wir nachlässigerweise "Auflösung" genannt haben, ist ein vorübergehendes Verschwinden im unendlich "Fernen", im für das Bewusstsein unendlich wenig Zugänglichen. Dieser "Punkt" des Verschwindens kann auch eine unendliche Wechselgeschwindigkeit sein, die wir als infinitesimale Ganzheit wahrnehmen. Das Unendliche erfüllt beide Funktionen: Aussöhnung und Wiederherstellbarkeit der Gegensätze.

Damit gehe ich mich jetzt erst einmal aussöhnen.

Und morgen stellen wir die Kreativität wieder her.


Dieser Text ist eine Auszug aus dem Buch

Bewusstsein als I-Struktur


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