Tag 4: Das unbegrenzte Potential

Die Entstehung von Entscheidungsfreiheit habe ich mit Ihren Büchern zumindest intuitiv verstanden. Doch die Wechselgeschwindigkeitserklärung scheint mir ein intuitives Verständnis der I-Struktur mehr zu behindern als zu fördern. Eine Entscheidung wird offenbar auf eine Bewusstseinseinheit reduziert. Kann das sein?

Auf eine Bewusstseinseinheit, die durch Identität von Veränderungsdrang und Alternativen zu neuen Bewusstseinseinheiten führt. Ebenso richtig ist aber, dass alle Bewusstseinseinheiten durch die unendliche Wechselgeschwindigkeit eine Einheit bilden und quasistatische Fokusse formen. Einheit wird durch unendlich schnellen Wechsel intuitiv, denn er ist der Übergang zur Ganzheitlichkeit in Nullzeit. Man darf einfach die Null nicht vergessen. Sie wird nicht nur angenähert, sondern erreicht. Das ist Ganzheit! Der Wechsel dient nur der Verbindung mit dem Unterschied. Ganzheit und Struktur bilden einen Gegensatz, der durch Wechsel ausgeglichen wird.

Der Wechsel allerdings ist selbst ein Gegensatz …?

Nur präziser, da er die Seiten als solche einbezieht. Wie auch die eigene Ganzheit. Ein Wechsel zwischen dieser Ganzheit und dem Unterschied der Seiten ist hier wiederum ohne Zwischenstufe.

Also wieder null.

Nicht null allein! Die Null ist nichts ohne ihre Rolle. Die Intuition hat etwas zu spüren.

Den Wechsel.

Wollen Sie mich ärgern?

Schon gut. Intuition gleich Wechselganzheit.

Bis ins unendlich Kleine, an jeder Stelle. Das ist intuitiv genug, finde ich. Wenn Sie das auf eine kompliziertere Ganzheit anwenden, können Sie die Gipfeleinheit nicht mehr scharf "sehen", sondern höchstens spüren. Wahrscheinlich eher ein Cluster von Einheiten drum herum.

Ein Kondensat?

So empfinden wir es. Aber diesmal um den Kraterring herum, innen und außen.

Muss das Kondensat nicht bei der Mitte sein?

Wir betrachten hier den Gipfel der dynamischen Form. Wenn das Kondensat bei der Mitte ist, dann ist dort der Gipfel.

Okay, langsam fügt sich alles zusammen. Ich verstehe jetzt auch besser, warum Sie den Bewusstseins- oder Realitätstrichter gern mit einem "Außengelände" zeichnen wie einen Krater:


Es geht eigentlich gar nicht um innen und außen, nicht wahr?

Nein, das sind beschränkte Begriffe. Es geht vielmehr um oben und unten, also bewusster und weniger bewusst. Das genaue Zentrum ist eine Achse durch alles hindurch.

Alle Standpunkte oder Perspektiven, die mir weniger bewusst sind, befinden sich also im Kanal des Trichters?

Je weniger bewusst das Gewahrsein, desto tiefer kreisen sie. Die Details werden dabei zunehmend unterbewusst.


Wenn ich Sie richtig verstanden habe, bin ich mir nicht nur anderen Bewusstseins gewahr, sondern anderen Gewahrseins. Denn auch die anderen unendlich vielen Standpunkte, aus denen sich mein Gewahrsein dynamisch aufbaut, sind ja Gipfel unendlicher Dynamiken. Sind das nicht diesmal doch ein paar Unendlichkeiten zu viel?

Welche sind Ihnen denn zu viel?

Ich meine, wie kann mein Gewahrsein eine Unendlichkeit von Unendlichkeiten erfassen und dabei strukturiert bleiben?

Weil Ihnen die Auflösung im Unendlichen zu früh kommt?

Ja.

Keine Sorge, sie kommt nicht. Sie ist schon da.

Wie bitte?

Das Gewahrsein ist doch nur strukturiert, weil es die meisten anderen Standpunkte ins immer weniger Bewusste verdrängt. Bis sie fast mit der Mittelachse verschmelzen. Mit dieser Achse nehmen wir das Unendliche vorweg. Es wird nicht "abgezählt".

??

Sie hatten doch befürchtet, dass die Intuition zu kurz kommt. Nun, Gewahrsein wird nach unten immer intuitiver, weil das Detailbewusstsein stark nachlässt. Die "Spuren" des Wechsels zum Anderen werden immer dichter und nur aufschlüsselbar indem ihnen das Bewusstsein folgt. Das heißt, da wo es im Moment ist, sind sie ihm kaum noch bewusst. Das Gewahrsein kann die Unendlichkeit daher bewusst nur als solche vorwegnehmen - im intuitiven Wissen, dass es sie gibt. Als besagte Achse oder als Mittelpunkt.

Oder als Potential.

Ja. Da das Bewusstsein langsam ist, können wir den Mittelpunkt auch als Näherung des Unendlichen ansehen, als Symbol für etwas, zu dem man "hingehen" kann, wenn man den "Schritt" stark beschleunigt, asymptotisch bis auf unendlich.

Faszinierend. Muss es nicht dennoch "unendliche Weiten" geben, eine entfaltete Unendlichkeit, die wir vorwegnehmen können?

Natürlich. Aber sie liegt in der anderen Richtung.

In Richtung des Bewusstseins…

…und damit des absoluten Universalkontinuums, das ich in Die Erschaffung der Realität begründet habe.

Doch ein absolutes Kontinuum ist strukturlos und kann nicht bewusst sein!

So wie die Null?

Hm.

Die totale Entfaltung von absolut allem zu einem unterschiedslosen Kontinuum ist zugleich dessen Zusammenbruch. Aber worauf? Auf ein Nichts? Dann hätte sie gar nicht erst stattgefunden. Das Universalkontinuum "reflektiert" vielmehr auf das, von dem aus es "erreicht" wurde: Es existiert nur für das Gewahrsein, von dem es vorweggenommen wird.

Es existiert also nicht für sich selbst?

Nur als momentaner Extremfall innerhalb eines Perspektivenwechsels, wie alles andere auch. Das hatten wir schon.

Das Kontinuum hat eine Perspektive?

Nur im Wechsel mit einem anderen Gewahrsein.

Nun beschreiben Sie ja auch All-das-was-ist, das höchstmögliche Bewusstsein. Es soll sich knapp unterhalb des Universalkontinuums befinden, "kurz vor dem Zusammenfall". Was macht es da?

Ich schätze, es spielt Gott. Wir haben es mit einer unendlich komplexen und unendlich großen I-Struktur zu tun, die sich, wie alles andere auch, mit unendlicher Geschwindigkeit formt.

Sie befindet sich in einem Fokus?

Nicht so wie wir. Ihr Wechsel muss ja alles gleichberechtigt einbeziehen. Nichts darf in einem Trichterkanal versacken. Deshalb ist All-das-was-ist in jedem beliebigen Fokus und unterscheidet sich von diesem nur durch ein einziges Kriterium, das allein sein eigenes ist: Das unbegrenzte Potential einen anderen Fokus einzunehmen. Es ist damit aber immer eine bestimmte Perspektive dieses Potentials.

Das muss ich erst mal verdauen. Ich bin All-das-was-ist?

Können Sie jeden beliebigen Fokus einnehmen? Etwa einen unendlich komplexen und unendlich großen?

Nein. Aber warum eigentlich nicht?

Weil die Form Ihres Fokuswechsels sich verselbständigt hat. Sie erscheint nicht nur insgesamt langsam, sondern sie hat die Fähigkeit zu großer Beschleunigung verdrängt und vergessen.

Womit habe ich das verdient?

Es war - wie alles andere - eine Entscheidung. Sehr viele Entscheidungen eigentlich. Alle betreffen die Form der Fokusbildung, aber einige auch die Form der Formbildung. Es entstand also nicht nur Bewusstsein, sondern Selbstbewusstsein. Ein Ego, wenn Sie so wollen.

Und das Ego verhindert, dass ich einen anderen Fokus einnehme?

Das Selbstbewusstsein schafft Stabilität, indem es das Gewahrsein des größeren Potentials gleichsam abschnürt und nur Ahnungen davon durchlässt. Aber Sie können sich bestimmt noch in den Fokus eines kaffeekochenden Fragestellers begeben und mir einen bringen.

Sorry, bin unterwegs.

Danke. Wenn Sie Ihren Fokus dann wieder platziert haben, verraten Sie mir doch bitte, warum sie nicht schon vorher gegangen sind.

Äh… Sie meinen, weil ich egoistisch bin?

Nur ein bisschen, natürlich. Sie waren vertieft und ich weiß das zu schätzen, denn es hatte ja einen Sinn: Sie wollten begreifen, sich konzentrieren, in Ihrer Rolle aufgehen. Deshalb tun wir so etwas: Wir schaffen Strukturen, die nicht gleich zusammenfallen. Das ganze All tut es. Sonst wäre es im Kontinuum geblieben.

Wo es auch nur von einer Struktur aus hingekommen ist.

Der klassische Wechsel.

Wo waren wir stehen geblieben?

Sie hatten Ihr Gewahrsein abgeschnürt.

Ah, wie habe ich das gemacht?

Indem Sie spätestens von Geburt an immer wieder auf sich selbst reflektierten. Was ich übrigens in Ordnung finde. Indem wir uns neu erkennen, tragen wir auch zum Gewahrsein All-dessen-was-ist bei.

Doch All-das-was-ist befindet sich ja nicht in meinem Ego-Fokus, da dieser nur ein eingeschränktes Potential hat. Was hat es also davon?

Das ist ja der Clou: Die unendliche Fokusgeschwindigkeit umfasst auch jedes Selbstbewusstsein. Mit diesem hat sich der scheinlangsame Fokus zwar weitgehend abgeklemmt, aber da er sich weiterbewegt, verändert und entwickelt, erreicht er spätestens im Unendlichen wieder sein unbegrenztes Potential. Weil wir uns jedoch dieses Unendlichen als Potential zu einem Potential schon jetzt gewahr sind - All-dessen-was-ist als solchem - muss auch der selbstbewusste Fokuswechsel eine Teilfrequenz der allumfassenden Dynamik sein.

Möchten Sie noch einen Kaffee?

Ich bin gerade im Fluss. Jetzt die Preisfrage: Wie kann das sein?

Wie kann was sein?

Ich sag's Ihnen: Das ist nichts als die typische dynamische Existenz!

Aha.

Wodurch ist sie denn gekennzeichnet? Wir sind uns der anderen Seite des Wechsels immer nur gewahr. Das eben ist ja Wechsel: Alles im Entweder-Oder.

Was bedeutet…?

…dass sich All-das-was-ist unseres Fokus immer nur gewahr sein kann.

Muss es dafür nicht wirklich mit ihm wechseln?

Zweifellos, und nur uns ist dieser Wechsel so wenig bewusst. Es muss deshalb noch einen anderen Wechselweg geben, den wir noch weniger bewusst nutzen.

Na, die Bewusstseinseinheiten haben ja auch einen gefunden, den der langsame Fokus schwer begreift.

Sie überraschen mich immer wieder. Also: Zwischen unendlich schnellen Bewusstseinseinheiten und selbstbewusst gefesseltem Fokus muss es mindestens einen weiteren Fokusaustausch mit dem Unendlichen geben, der uns je nach Form und Geschwindigkeit unseres eigenen Fokus entgeht und zum Beispiel für das Empfinden einer "göttlichen Präsenz" sorgt. Solche Fokusse lösen sich ständig von uns ab und gehen wieder in uns über, ohne dass wir uns in der Lage sehen, ihnen zu "folgen".

Das ist seltsam. Denn jetzt haben wir es nicht mehr mit einer unendlichen Geschwindigkeit zu tun, in der sich alles ausgleichen kann. Diese Zwischengeschwindigkeiten sind endlich! Kommen sie nicht durcheinander?

Warum sollten sie? Unser quasistatischer Wechsel, also unser vordergründiger Bewusstseinsfokus, ist ja nicht völlig isoliert. Mag er noch so selbstreflexiv verschachtelt sein. Er formt sich noch immer aus dem unendlich schnellen Wechsel der Bewusstseinseinheiten. Ihm entschlüpfen nur die Zugänge zu anderen Formen und Frequenzen. Er überspringt Phasen des Gesamtwechsels, so wie wir unsere Träume vergessen. Doch er hat im Grunde ständigen Zugang, sogar zu All-dem-was-ist.

Er muss ihn nur finden… Und ihm gewachsen sein!

Ja. Gewachsen sind wir ihm nur wohldosiert, sonst verlieren wir uns dieses Mal auf der anderen Seite.

Aber es heißt ja, wir seien beschützt.

Das würde jedenfalls Sinn machen. Auch All-das-was-ist braucht relativ stabile Strukturen, zu denen es wechseln und derer es gewahr sein kann. Es ist ja Vielfalt, nicht Chaos.

Ich nehme an, mit All-das-was-ist sind nicht nur die Bewusstseinseinheiten gemeint, sondern auch die ihrerseits unendlich schnellen Fokusse?

Ja alle, und die langsamen! Wer schnell unterwegs ist, kann innerhalb dessen auch langsam sein, durch vorübergehende Wiederholung, wie gehabt.

Fokusse in Fokussen in beliebiger Wiederholung?

Völlig egal. Einen Unterschied macht das erst, wenn wir endlich werden. Und dann haben wir noch immer eine unendliche Spanne, auf der sich die Geschwindigkeiten verteilen können. Denn All-das-was-ist wird garantiert nicht endlich.

Und wir sind es nur scheinbar.

Doch dieser Schein ist sehr real, denn er ist sogar für All-das-was-ist nötig, verstehen Sie?

Weil es sich sonst in ein Kontinuum verflüchtigen würde?

Erfasst. Von "Schein" kann also eigentlich keine Rede sein. Wir sind bestimmte strukturierte Phasen der Gesamtbewegung des höchsten Bewusstseins, individuelles Gewahrsein, dessen sich auch All-das-was-ist gewahr ist, aber auf seine individuelle Weise.

All-das-was-ist ein Individuum?

Selbstverständlich. Wer sonst zeichnet sich durch unendliches Potential aus?

Das Universalkontinuum?

Guter Gedanke. Beide, Universalkontinuum und All-das-was-ist, brauchen uns zu ihrer Bestimmung. Doch das Kontinuum hat gar keine eigene Existenz. All-das-was-ist schon. Es hat ein Gewahrsein und kondensiert für uns gerade noch zu einem Bewusstsein. Es formt den Reflexionszustand des Universalkontinuums. Es ist der große Bruder der Bewusstseinseinheit am anderen "Ende".

Sie sagen "Es kondensiert für uns". Zeigt das nicht seine Unselbständigkeit?

Ohne uns ist es nichts! Aber wir und alle anderen Bewusstseinsfokusse erschaffen es als Struktur, als das, was uns erschafft.

Ist das nun Einbildung?

Nicht mehr als die Wahrnehmung unserer eigenen Existenz.

Ich verstehe. Es kommt auf die Konsistenz der Wahrnehmung an.

Auf jeder denkbaren Ebene.

Dennoch: Hat All-das-was-ist ein eigenes Bewusstsein oder nicht?

Da sein Gewahrsein jedes andere mit unendlicher Geschwindigkeit erfasst, könnte es gar nicht bewusster sein! Trotzdem ist das meiste immer gerade unterbewusst, da es ja individuell bleibt. Sogar für All-das-was-ist! Doch kondensieren kann es nur für uns, von einem eingeschränkten Blickwinkel aus.

Wenn All-das-was-ist also in einem bestimmten Fokus ist, kondensiert es für sich selbst?

Wenn es sein Potential nicht nutzt, ist es eben nicht mehr All-das-was-ist. Es ist nur noch ein Fokus mit kondensiertem Potential zu Höherem, kurz: mit einer kondensierten Vorstellung vom höchsten Bewusstsein. Selbst wenn dieses Potential jederzeit zur Verfügung steht. Doch wenn All-das-was-ist sein Potential nutzt, ist es dieses Potential.

Das ist starkes Zeug.
Eins stört mich allerdings an dem ganzen Fokuswechselmodell: Wir müssen bei der Erklärung relativ kleiner Prozesse schnell mit sehr hohen Wechselgeschwindigkeiten rechnen. Für mein Gefühl stellt das die Plausibilität des Konzepts in Frage.

Mit dem Gefühl ist das so eine Sache. Neue Theorien lösen anfangs selten gute Gefühle aus, weil sie einfach ungewohnt sind. Auch bei mir nicht. Diese ist, soweit ich das nach jahrelanger Untersuchung beurteilen kann, stimmig. Ob sie auf alle vermeintlich materiellen Dinge im Detail anwendbar ist, sollten wir motiviert von dieser logischen Konsistenz erforschen.
Bedenken Sie auch bitte, wie schnell wir zum Beispiel im Traum ganze Szenen wechseln können. Und das sind eher Schnappschüsse. Wir dürfen nicht an einer Bewegungsvorstellung hängen, die dem Kutschenzeitalter entspringt. Selbst die Lichtgeschwindigkeit kann außerhalb der bekannten Raumzeit keine ernstzunehmende Schranke sein, falls sie es überhaupt jemals war. Wir senden keine Informationen, sondern wechseln Ganzheiten.

Ins Unbekannte kann man aber alles Mögliche projizieren.

Fragt sich nur, ob es mit bekannten Prozessen harmoniert. Unendlich Großes brauchen wir im Praktischen ja nicht. Wir reden hier nur so lange darüber, weil wir, wie schon gesagt, die Stimmigkeit anhand der Extreme testen. Die Ganzheit andererseits machen wir auch nicht seltsamer als sie ohnehin schon ist. Normalerweise nehmen wir sie einfach nur hin.

Ja, wir nehmen so einiges hin und werden ungemütlich, wenn uns jemand hinterfragt.

Ich möchte allerdings einem Missverständnis vorbeugen: Ganzheit bleibt auch in meinem Modell intuitiv! Denn der beschriebene Übergang zu ihr ist nicht ihre Herleitung, sondern nur die Verbindung zu ihr. Ganzheit und Struktur werden nicht auseinander abgeleitet, sondern sind Seiten des Wechsels. So wie Mittelpunkt und Umkehrpunkte, über die wir bereits gesprochen haben. Ohne Intuition gibt es folglich auch den Wechsel nicht.

Und keine Struktur.

Gar nichts.


Dieser Text ist eine Auszug aus dem Buch

Bewusstsein als I-Struktur


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