Tag 3: Gewahrsein im Wechsel

Wenn ich die letzten beiden Tage zusammenfasse, dann ist Bewusstsein allgegenwärtig, und aufgrund seiner Struktur ist Entscheidungsfreiheit ebenso allgegenwärtig.

Richtig. Der Zwang zum Wechsel der Situation, die I-Struktur und die letztliche Identität von Geschlossenheit und Offenheit ergeben eine ständige Wahl des weiteren Weges. Diese drei Faktoren sind im Grunde ein und dasselbe.

Bewusstsein.

I-Struktur, ja.

Oder Gewahrsein?

Auch das ist im Grunde dasselbe. Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass jede Seite immer potentiell ist, dass es nur Wechsel als solchen gibt. Wenn wir meinen, zwei Seiten zugleich wahrzunehmen, täuschen wir uns strenggenommen. Wir heben sie aus dem umfassenderen Wechsel heraus, indem wir sie quer drehen und dabei ihren Wechsel scheinbar verlangsamen.

Scheinbar?

Darauf komme ich gleich. Wir bilden durch diese Drehung eine Näherung um das Zentrum der Seiten, nennen sie "Objekt" und vergessen seine Entstehung und die Details, die wir nun nicht mehr auflösen können. Auch die Seiten selbst werden so gebildet und so weiter, denn wir können auf Quergedrehtes kaum verzichten. Nur ein quasistatisches Bewusstsein kann scheinbar länger als null "Sekunden" existieren und hat "Zeit" etwas zu gewahren.

Mann oh Mann. Gewahrsein muss also bewusst sein?

Ja, bewusst oder unterbewusst, aber niemals unbewusst. Gewahrsein ist nur das potentiellere, dynamischere Bewusstsein. Oder anders herum: Bewusstsein ist das statischere Gewahrsein.

Stopp, stopp! Was heißt unterbewusst?

Das heißt bewusst unterhalb unseres Bewusstseins im engeren Sinn, nichts anderes als dynamisch existent, nur als Potential bewusst, als Potential zu einem Potential und so weiter. Aber immer als Seite eines Wechsels, sonst ist es buchstäblich "out".

Okay, es ist alles potentiell. "Ich bin mir einer Sache gewahr" bedeutet also "Ich bin mir ihrer Potentialität bewusst"?

Genau! Wir reden hier immer über das Gleiche. Lassen Sie sich nur nicht durcheinander bringen!

Na ja. Wir nehmen ja normalerweise nicht an, dass uns das Unterbewusste immer zugänglich ist.

Woher wissen wir dann, dass es da ist?

Weil wir aus dem, was uns widerfährt, darauf schließen.

Eben. Wir stellen uns begründeterweise ein komplexes Etwas vor, das "irgendwo dort" vor sich hin existiert und gelegentlich auf sich aufmerksam macht. Das ist potentielle Existenz, mit allen Unsicherheiten, die so ein Potential mit sich bringt. Wir könnten natürlich auch Stroh finden, wenn wir nachsehen.

Verstehe. Ist potentielle Existenz das Gleiche wie dynamische Existenz?

Nur die Betonung ist anders. Dynamische Existenz ist der Oberbegriff, aber potentielle Existenz können wir sagen, wenn wir mehr das Potential als solches betrachten, statt den Wechsel. Dynamische Existenz würde das Unterbewusste meinen, in das wir uns hineinversetzen. Damit würde auch eine größere Sicherheit beschrieben, aber keine absolute.

Gut, das hat mich immer etwas verwirrt. Vielleicht ist das gleich ein guter Übergang zur Scheinbarkeit der Wechselverlangsamung…

Versuchen wir's. Haben Sie sich schon gefragt, wie wir die ganzen Wechsel zwischen Randpunkten, Rand und Zentrum, deren Zentrum und Seiten, offenen und geschlossenen Fortsetzungen und so weiter geschwindigkeitsmäßig auf die Reihe bekommen? Und dann noch den Wechsel mit dem Rest des Universums?

Äh… nein.

Diese Frage hat mich viel beschäftigt. Innerhalb eines endlichen Bezugsrahmens ist sie relativ leicht lösbar. Was uns gerade weniger bewusst ist, kann schneller wechseln. Abstufungen in der Bewusstheit können demnach Abstufungen in der Wechselgeschwindigkeit sein. Ob dem tatsächlich so ist, kann man fast vernachlässigen.

Wie das?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Wir reden hier von einem sehr grundlegenden Prozess, dem viele weniger grundlegende Prozesse überlagert sein können. Ob etwas bewusst oder unterbewusst ist, kann von vielen Strukturunterschieden abhängen, bei denen wir nicht nach Geschwindigkeiten fragen. Zum Beispiel kann auch eine sehr langsame Bewegung die andere Wechselseite vermissen lassen. Andererseits kommen wir nicht darauf, dass es eine andere Seite geben könnte, wenn wir der Bewegung nicht vorauseilen. Höhere Geschwindigkeit bedeutet hier also mehr Bewusstheit.

Oder eher mehr Gewahrsein?

Bewussteres Gewahrsein. Wenn wir dagegen nicht vorauseilen, existiert dann die andere Seite überhaupt?

Das ist wie die Frage, ob der Mond noch existiert, wenn wir nicht hinsehen.

Er existiert. Weil wir auf einer tieferen Ebene immer wieder hinsehen, viel schneller als mit den Augen. Aber auch schneller als in Gedanken. Denn nur so können wir seine "Spur" scheinbar unbewusst finden, ihn spontan erblicken.

Also macht doch die Geschwindigkeit den Bewusstheitsunterschied?

Letztlich ja. Allerdings ist die Allgemeinheit dieser Erkenntnis eine logische Schlussfolgerung. Wir müssen dafür nicht jedem Detail eines komplexen Wechsels eine bestimmte Geschwindigkeit zuordnen. Dafür sind die Strukturen zu verschachtelt. Es genügt, wenn Differenzen der Wahrnehmungsgeschwindigkeit die Gleichzeitigkeit zweier Wechsel verhindern.

Es gibt keine Gleichzeitigkeit von irgendetwas?

Wie sollte es dann miteinander wechseln, das heißt eine Beziehung eingehen, wahrgenommen werden? Es kann höchstens "Wechselzeitigkeit" geben, also vor und zurück, oder zum Beispiel eine unselbständige "Gleichzeitigkeit" wie in der Quantentheorie. Wir reden übrigens von Zeit wieder nur als einem möglichen Maßstab.

Schon klar. Aber so frage ich mich, wie meine Wahrnehmung einer Kerze langsam wechseln kann, während die Fortexistenz des Mondes hinter meinem Rücken eine viel höhere Wechselgeschwindigkeit voraussetzt? Laufen beide Wechsel nicht gleichzeitig ab?

In dem Fall gäbe es keine Verbindung zwischen ihnen. Sobald sie aufeinander wirken, wechselt "etwas" zwischen ihnen, und das ist nichts anderes als ein ganzheitlicher Wahrnehmungsfokus. Sogar wenn es nur ein "Teilchen" wäre: Es hinterlässt eine andere Ganzheit und führt zu einer anderen solchen. Eine Ganzheit wird zu einer anderen.

Die Kerze wird zum Mond.

Grundsätzlich ja.

Physikalisten werden sich die Haare raufen!

Die kümmern sich lieber um Details. Auch wenn sie vom Licht reden, für das es übrigens keine physikalische Zeit gibt, oder von Feldern und Entropie, müssen sie ihre Wahrnehmung von der Kerze zum Mond verlagern, um eine dünne Verbindung zwischen beiden zu abstrahieren. Dabei nehmen sie wahr wie Sie und ich: individuelle Ganzheiten im Wechsel.

Es gibt also einen Wechsel zwischen allen Wechseln.

Und da es keine gleichzeitigen Wechsel geben kann, muss alles ein einziger Wechsel sein!

Jetzt haben Sie aber ein Problem!

Eine spannende Frage, nicht? Wie bekommen wir die Wechselgeschwindigkeiten in einem unendlichen Universum so zusammen, dass sie widerspruchlos ineinander übergehen?

Erleuchten Sie mich.

Ich habe einen Joker.

Ahnte ich's doch.

Ein unendliches Universum braucht für seine Ganzheit eine unendliche Wechselgeschwindigkeit. Dabei glaube ich gar nicht, dass unser Geschwindigkeitskonzept eine unendliche Haltbarkeitsdauer hat. Aber wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben und seine Konsistenz auch anhand der Extremfälle nachweisen. Und etwas Allgemeineres als Wechsel haben wir nicht.
Tatsächlich bietet die unendliche Wechselgeschwindigkeit, die wir ja schon mit der Bewusstseinseinheit eingeführt haben, eine Menge mehr Möglichkeiten. Ein schneller Wechsel kann durch Wiederholung langsam erscheinen, ohne seine Geschwindigkeit zu verringern: Die durch die Wechselform umschriebene Ganzheit ändert sich einfach gemächlich. Sogar wenn sie unendlich schnell umschrieben würde. Doch sie könnte sich auch selbst unendlich schnell ändern und würde dabei ebenso wenig in Konflikt mit ihrer unendlich schnellen Umschreibung kommen.

Beliebig schnell                                                   
              Beliebig schnell

Unendlich plus irgendetwas ist wieder unendlich. Deshalb habe ich mit dem Universum kein Problem. Eine unendliche Wechselgeschwindigkeit kann alles umschreiben.

Moment. Langsam… Vollständige Wiederholung, also Geschlossenheit, gibt es nicht, hatten Sie gesagt.

Ich sagte sinngemäß, Geschlossenheit und Offenheit sind auch identisch, so wie die Seiten einer Bewusstseinseinheit: durch sofortigen Wechsel zueinander.

Ich erinnere mich. Die Umschreibung der Ganzheit ist also ebenso offen wie geschlossen.

Ja, aber je mehr die Geschlossenheit betont wird, desto langsamer beziehungsweise statischer erscheint sie. Die i-strukturierte Spirale wird sozusagen enger oder eben quergedreht.

…und verliert doch nicht den Anschluss an den Rest des Universums.

Korrekt. Querdrehung steht dabei für ein Bewusster werden, Quasistatischer werden.

Und nun nehmen Sie die Unendlichkeit, um alles zu vereinen, was nicht zusammenpasst?

Nur für das, was aus der Endlichkeit abgeleitet werden und nach heutigem Verständnis nahtlos ins Unendliche übergehen kann. So wie es Mathematiker machen, aber Physiker bequemerweise wegrechnen oder "renormieren", wie sie es nennen. Aber das ist ein anderes Thema.

Gut, lassen wir das. Ich habe noch eine Frage: Am ersten Tag sagten Sie, alle Wechselseiten seien auch unmittelbar verknüpft.

Weil sie als Ganzheiten strenggenommen nur das infinitesimale Zentrum zwischen ihnen zur Unterscheidung brauchen und auf jede Zwischenstufe das Gleiche zutrifft. Das ist die I-Struktur.

Das heißt, einen unendlich schnellen Wechsel haben wir auch im Alltag?

Sehr richtig.

JETZT bin ich schockiert!

Aber, aber. Wir sagten doch auch, dass wechselnde Strukturen eine Bewusstseinseinheit definieren.

In ihrem Zentrum! Nun sieht es aber so aus, als sei die Bewusstseinseinheit ausgedehnt und würde den Strukturen selbst entsprechen. Ein klarer Widerspruch!

Weil so Einheiten Einheiten definieren?

Ja!

Na schön, ich gebe zu, die Bewusstseinseinheit im Zentrum war eine Vereinfachung, besser gesagt ein Spezialfall.

Was Sie nicht sagen.

Ja, eine Erleichterung für Sie.

Na klar.

In Wirklichkeit können wir genauso wenig am räumlichen Denken kleben wie am zeitlichen. Diese Erleichterung macht es manchmal auch schwieriger. Oder, was glauben Sie, ist eigentlich eine Ganzheit? "Ganz" ist eins und nicht eins nach dem anderen. Die Ganzheit hat natürlich eine Struktur, aber dennoch muss sie auch eins sein! Das geht nur, wenn diese Identität unmittelbar hergestellt wird. Also, da alles wechselt, mit unendlicher Geschwindigkeit.

Jetzt bin ich völlig verwirrt!

Das kriegen wir schon wieder hin. Die Wahrnehmung der Struktur ist - wie die Wahrnehmung der Ganzheit - einfach der Wechsel einer einzigen Bewusstseinseinheit.

Ich leg' mich gleich hin.

Bleiben Sie bei mir. Wir haben's gleich. Erinnern Sie sich daran, dass eine Ganzheit nur einen einzigen Mittelpunkt haben kann?

Ja.

Wie kompliziert wir im Detail auch wechseln, das Ganze hat nur ein einziges Zentrum. Wie kann dieses Zentrum wohl aufrechterhalten werden, wenn wir zwischendurch immer woanders sind?

Ja, ja. Aber die Zwischenstrukturen!

Die sind Zwischen, nicht das Ganze. Entscheidend für den Mittelpunkt ist das Ganze! Sozusagen der Gipfel der ganzen Umschreibung.

Und?

Dieser Gipfel ist nicht das Zentrum.

… Aber er ist zentriert!

Ganz genau. Ein Ring zum Beispiel, ein First, ein Kraterrand. Das worauf sich der Mittelpunkt am stärksten bezieht, was ihn eindeutig bestimmt.

Nicht das, was direkt an ihn grenzt…

Nicht räumlich, nein.

Aber "bildend"?!

Ja, der Gipfel der ganzen Dynamik. Man könnte fast sagen ein psychischer Gipfel. Oder ein Intensitätsgipfel.

Es dämmert.

Draußen?

Nein, bei mir. Da eine Bewusstseinseinheit von einer größeren Struktur hergeleitet werden muss und diese Herleitung dort draußen gipfelt, statt im Innersten, ist diese Einheit von First und Mittelpunkt die repräsentative Bewusstseinseinheit des Ganzen.

Ja.

Ich bin beindruckt. Demnach muss jede Zwischenstruktur, die hilft, die Ganzheit im Wechsel aufzubauen, in ihrer eigenen Bewusstseinseinheit gipfeln.

Weiter.

Und so wird die Ganzheit von einer einzigen sich verändernden Bewusstseinseinheit geformt.

Geht's jetzt wieder besser?

Mal sehen. Vielleicht nach dem Gegenschlag: Wie kann sich die Bewusstseinseinheit selbst als Gipfel erschaffen, wenn sie zu ihrer Erschaffung auf diese Weise erschaffen sein muss?

Jetzt haben Sie mich, wie?

Tja.

Sie unterschätzen die Geschmeidigkeit des Unendlichen. Der unendlich schnelle Wechsel der Bewusstseinseinheit formt - das hatten wir schon - durch i-strukturierte Wiederholung einen quasistatischen Bewusstseinsfokus, der seinerseits mit beliebiger, auch unendlicher Geschwindigkeit wechseln kann. Also mag auch dessen Gipfeleinheit mit unendlicher Geschwindigkeit wechseln und dabei formen was sie will.

Das Unendliche bewegt sich im Unendlichen…

…und erschafft je nach Form dieser Bewegung scheinbar langsamere Formen.

Die Form des Wechsels ist also das, worauf es ankommt.

Egal "was" hier wechselt. Es gibt wie gesagt nur Wechsel als solchen.

Machen wir eine Pause.



So wie ich das jetzt sehe, wird jede Form durch das ganze Universum gebildet. Denn der einzige Wechsel bewegt sich durch jede Form, die er im selben Zug ausbildet.

Ja, und zwar als I-Struktur, sonst versanden wir in Widersprüchen. Wir können auch sagen, alle Bewusstseinseinheiten gehen unmittelbar ineinander über, da sie unmittelbar aneinander grenzen. Je nach Form entstehen daraus Bewusstsein und Gewahrsein, Objekte und Potentiale.

Obwohl wir aus solchen Objekten und Potentialen die Bewusstseinseinheiten erst abgeleitet haben?

So ist es. Wir können unsere Weltanschauung auf nichts gründen außer auf unsere Wahrnehmung. Aber wir können sie erforschen und ausloten, um sie stimmig zu machen. In dem Fall erhalten wir komplexe quasistatische Bewusstseinsfokusse zurück, die nun selbst jeden Grad der Flexibilität beanspruchen können und sich so wiederum als Basis des Schlussfolgerns legitimieren. Denn nur Bewegliches kann etwas umfassen.


Dieser Text ist eine Auszug aus dem Buch

Bewusstsein als I-Struktur


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