Tag 2: Entscheidungen überall

Zur Offenheit des Wechsels fiel mir heute wieder ein, dass die Bewusstseinseinheit eigentlich eine Abstraktion aus einem größeren Zusammenhang ist. Sie kann also gar nicht abgeschlossen sein und demnach auch keine andere Ganzheit, die sich aus Bewusstseinseinheiten zusammensetzt. Oder?

Jaein. Eine abgeschlossene Einheit könnte für nichts anderes existieren, so weit einverstanden. Doch wir müssen diese Extremfälle zulassen, wie Sie gleich merken werden.

Ich bin ganz Ohr.

Machen wir mit der Rotation weiter, weil sie anschaulicher ist. Wir könnten aber auch ein Hin-und-her-Wechseln oder etwas Komplizierteres nehmen.
Der Weg von einer Seite zur anderen ist nicht so eindeutig, wie es in den Zeichnungen aussieht. In Wirklichkeit gabelt er sich ständig, da er sonst eine unüberschreitbare Grenze bedeuten würde. Eine solche aber ist in jedem Moment unzulässig, weil sie nicht widerspruchsfrei definierbar ist.

Warum kehrt dann etwas zum Ausgangspunkt zurück, wenn es so viele andere Möglichkeiten gibt?

Darauf habe ich eine schockierende Antwort. Aber zunächst einmal frage ich Sie: Was bliebe am längsten übrig, wenn alle Fortsetzungsmöglichkeiten, offene und geschlossene, genutzt würden?

Hm. Die geschlossenen?

Ganz genau. Und wären die offenen völlig offen, würden sie keinen einzigen Moment lang existieren. Denn wer sollte dann eine Ganzheit wahrnehmen? Andererseits: Völlige Geschlossenheit würde sich kein bisschen ändern, wäre also nicht anschlussfähig, nicht wahrnehmbar.

Okay, wie kommen wir aus dem Dilemma raus?

Kein Vorschlag?

Bewusstseinseinheit?

Treffer.

Aber wie?

Eine Bewusstseinseinheit ist ja auch eine Ganzheit, nur wechseln ihre Seiten unmittelbar, also in Nullzeit, und daher ebenso unmittelbar in den Zentralpunkt hinein und aus ihm heraus. Es ist eine unendlich kleine Wechselstruktur, aber auch mehr als null.

Ist es das, was man in der Nichtstandard-Mathematik eine Infinitesimale nennt, eine Zahl unendlich nahe bei der Null?

Nicht ganz, denn diese Zahlen werden in der Nichtstandard-Analysis doch wieder nur als Objekt behandelt. Eine Bewusstseinseinheit ist dagegen ständig am Flimmern. Sie wechselt zwischen exakt null und infinitesimalen Seiten.

Ah! Und so werden Geschlossenheit und Offenheit vereint! Indem sie unendlich nahe beieinanderliegen…

Eben nicht!! Sondern indem sie unendlich schnell zueinander wechseln! Das ist etwas anderes als eine asymptotische Annäherung, bei der sie sich im unendlich Kleinen treffen. Ich meine Offenheit und Geschlossenheit im selben Moment!

Ohne Widerspruch zueinander…

Ohne ungesunden Widerspruch. Denn der "Widerspruch" von dem wir hier reden ist allgegenwärtig, die Basis unserer Welt. Er hat keinen Gegensatz, der ihm vorzuziehen wäre, denn dieser würde im selben Moment verschwinden.

Hat man das nicht früher einen dialektischen Widerspruch genannt? Hegel …

Hegel hat das nicht so genannt, aber er hat die Einheit von Existenz und Nichtexistenz oder, wie er es verstand, von Sein und Nichtsein erkannt. Nicht nur weil eins das andere zu seiner Bestimmung braucht, sondern weil ständig eins ins andere übergeht. Alles ist ständig im Werden.

Und das ist etwas anderes?

Hegel ist nur den halben Weg gegangen. Er hat geglaubt, die Notwendigkeit des Weltprozesses bewiesen zu haben, doch er hat sie bereits vorausgesetzt. Werden ist nicht Wechsel. Im Werden gibt es keine Gabelung, sie kann nur von außen hinzukommen. Im Wechsel dagegen ist die Gabelung eingebaut.

Zwischen Offenheit und Geschlossenheit, verstehe.

Auch zwischen verschiedenen offenen Wegen, wie wir noch sehen werden. Aber kommen wir zunächst zur Einheit von Offenheit und Geschlossenheit zurück. Diese ist nicht lau oder diffus, obwohl sie das auch sein kann, wenn wir sie zu einer Näherung verwässern. Stattdessen geht sie bis ins Allergenaueste. Es gibt in letzter Konsequenz gar keine Trennung zwischen Geschlossenheit und Offenheit, so dass Objekte immer Anschluss an andere Objekte finden.

Anders hätten wir die Bewusstseinseinheiten auch nicht aus ihnen ableiten können.

Genau.

Was ist mit dem Extremfall völliger Geschlossenheit, den Sie erwähnten?

Den muss es ebenso geben wie den Extremfall völliger Offenheit und alle anderen Extremfälle. Denn jede Seite des Wechsels wird tatsächlich erreicht. Ebenso wie der Zentralpunkt. Nur eben für einen unendlich kleinen Moment.

Weshalb die Einheit mit der anderen Seite überhaupt erst möglich ist. Langsam steige ich dahinter.

Freut mich.

Aber ich bin nicht schockiert.

Hm?

Sie haben mir doch einen Schock versprochen.

Ach so, ja. Offenheit an sich ist ja nicht alles. Wenn die Tür schon mal offen steht, können wir auch in verschiedene Richtungen abbiegen. Sonst hätten wir gleich wieder eine Geschlossenheit eigener Art.

Die Geschlossenheit der Richtung.

Keinen Kreisverkehr, aber keine weitere Alternative, ja. Das heißt, wir sind schon wieder an einer Gabelung.

Was machen wir nun?

Wir wählen.

Ach!

Sind Sie schockiert?

Vielleicht später.

Der Wechsel zwischen zwei oder mehr Seiten ist doch nichts anderes als das Abwägen zwischen Alternativen. Das Einzige, was wir müssen, ist in Bewegung bleiben. Denn Wechsel ist unausweichlich, bei Strafe unserer Eliminierung. Das bedeutet, wir sind immer in einer Entscheidungssituation.

…über den weiteren Weg. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Wie Sie meinen. Jedenfalls ist die Richtung des weiteren Wechsels, der weiteren Bewegung unbestimmt.
Hier muss ich abschweifen: Bewegung ist ja asymmetrisch, also offen. Dennoch kann sie nur in der wechselweisen Wahrnehmung mit ihren vorhergehenden Abschnitten existieren, sonst löst sie sich schneller auf als wir "Pff" sagen können. Sie hätte noch nicht einmal eine Richtung, die ja wiederum nur im wechselweisen Vergleich mit ihren Alternativen existiert. Es wäre der Extremfall absoluter Offenheit und damit Strukturlosigkeit.
Richtung verstehe ich auch wieder nicht in erster Linie raumzeitlich, sondern als Richtung von einer Priorität zur anderen. Wenn wir sie ins Raum-Zeit-Diagramm zeichnen können, gut. Doch auch Assoziationen zum Beispiel haben Richtungen vom Wichtigen zum noch nicht Wichtigen.

Ihre Katzen, sind das Geschwister?

Sind Sie noch da?

Ja, Entschuldigung. Sprechen Sie von einer Spirale?

Spirale?

Ja, eine Spiralbewegung. Ein Hin-und-her-Wechseln zwischen Bewegungspunkten, wobei sich das Ganze fortbewegt, ergibt eine seitlich auseinandergezogene Spirale.

Aber nur oberflächlich betrachtet. Diese Spirale ist vielmehr Erscheinungsform einer I-Struktur, eines vollständigen Wechsels der Punkte, der dennoch sofort weiterspringt. Eine i-strukturierte Spirale, wenn Sie so wollen.

Können Sie dafür ein Beispiel …?

Natürlich. Wir waren doch beim Wählen. Wir wechseln zwischen Alternativen unserer weiteren Bewegung, unseres Potentials. Eine davon müssen wir nehmen. Sagen wir, entweder einen neuen Weg oder einen alten. Wir wählen hier also zwischen einer offenen und einer geschlossenen Fortsetzung. Welche davon, ist offen. Bestimmt sind nur die Unbestimmtheit und die Entscheidung als solche.
Wir wechseln also auch zwischen dieser Unbestimmtheit und unserem Entscheidungszwang. Das heißt, wir umschreiben ein Zentrum sowohl zwischen den Alternativen als auch zwischen den Alternativen und dem Entscheidungsdrang.

Und damit ein Zentrum zwischen diesen beiden Seiten…

Ja.

Und Zentren zwischen diesem Zentrum und den anderen.

Und so weiter.

Das ist die Infinitesimalstruktur!

Alle Wechselseiten sind an irgendeiner Stelle miteinander identifiziert und an irgendeiner anderen sogar mit ihrer Unterscheidung.

Was nach konventionellem Verständnis eigentlich nicht geht…

…aber, wie wir gesehen haben, die Basis unserer Welt ist, bis zur kleinsten denkbaren Einheit.

Können wir nicht einfach sagen, die Seiten treffen sich in der Mitte und eine davon wird gewählt?

Sagen können wir vieles, aber ausdrücken können wir damit nichts. Denn so können wir Entscheidung nicht erklären, nur mechanische Fortsetzungen und Zufälle. Mit so einer Verschmelzung würden wir von der Notwendigkeit absehen, die Dinge auch zu unterscheiden. Wir hätten nur fließenden Brei.

Dagegen führt das, was Sie erklärt haben, zu einer freien Wahl?

Ja, denn die infinitesimale Einheit von Bestimmung und Unbestimmtheit ist nicht aushebelbar und nicht auf eine Seite reduzierbar. Freie Entscheidung, nicht Zufall, ist die einzige Deutung, die bleibt.

Grundlage dafür ist, soweit ich sehe, die Notwendigkeit zu wechseln statt einfach fortzuschreiten.

Nur Wechsel ist Unterscheidung und Einheit zugleich. Dieser Wechsel aber kann fortschreiten zu anderen Wechseln. Er wird es irgendwann tun, um den Anschluss an die Welt nicht zu verlieren oder, besser gesagt, weil die Alternativen zu verlockend sind, um sich ewig gegen sie zu entscheiden. Aber er muss nicht.

Aber ich. Können wir eine kurze Pause machen?

Klar doch. Ich erliege inzwischen wieder den Versuchungen der Kunst.


Wir wählen also ständig zwischen altem und neuem Weg, da wir den neuen stets mehr oder weniger in Betracht ziehen. Dabei bilden Geschlossenheit und Offenheit eine i-strukturierte Einheit. Entscheiden wir uns immer wieder maßvoll für das Neue, erhalten wir die Näherung einer Spirale.

Lassen Sie mich kurz nachdenken… Wenn wir die Situation noch einmal mit Quadraten darstellen, dann haben wir jetzt einen Wechsel zwischen drei statt zwei Seiten, wobei die dritte für einen neuen Weg steht.


Genauer gesagt, steht sie für die Möglichkeit eines neuen Weges. Wir wechseln also auch mit einem Potential als solchem, das heißt ohne es gleich zu realisieren. Das ist in der Tat ein zusätzlicher Wechsel, allerdings ist es der Regelfall, den wir gestern nur fast bis zur Geschlossenheit vereinfacht haben. Wenn wir nun wie vorhin an der Tür auch die Richtung der Fortsetzung öffnen, erhalten wir noch mehr Wechselalternativen:


Und da sich letztlich alles öffnet, sein Potential bewusst wird, sind ständig Entscheidungen zu treffen. Ob sich der Wechsel weiterbewegt oder nicht, ist immer eine mehr oder weniger freie Wahl seines Bewusstseins!


Sie sind so ruhig?

Also die Fortsetzung ist weder eine richtige Spirale noch ein richtiger Sprung, sondern ebenso eine Entscheidung für das eine oder das andere?

Gut erkannt.

Und da wir überall Wechsel gleich I-Struktur gleich Bewusstsein haben und alles mehr oder weniger offen ist, ist alles im dementsprechenden Maß frei gewählt.

Sie haben es.

Gut. Ich versuche es in Übereinstimmung zu bringen mit dem, was ich aus Ihren Büchern weiß, aber ich sehe im Moment keinen Widerspruch. Trotzdem werde ich noch Fragen haben.

Wollen Sie erst einmal darüber schlafen?

Gute Idee.


Dieser Text ist eine Auszug aus dem Buch
Bewusstsein als I-Struktur. Das Spiel der Unendlichkeiten

Bewusstsein als I-Struktur


Creative Commons Lizenz