Tag 1: Was ist eine Bewusstseinseinheit?

Herr Janew, Sie behaupten eine Grundstruktur des Bewusstseins entdeckt zu haben. Müssten wir jetzt nicht alle elektrisiert aufspringen?

Ich denke nicht, dass so etwas geschieht. Dafür liegt diese Struktur zu nahe. Niemand will gern glauben das Wichtigste ständig zu übersehen.

Oops. Und das wäre?

Zunächst einmal, dass Materie keinen Boden hat. Das ist nicht neu, doch wir ignorieren es. Stattdessen glauben wir immer noch an eine Art Substanz, die die Welt zusammenhält. Wir können sie ja anfassen, nicht wahr?
Die Quantenphysik ist zwar ein bisschen weiter, sie spricht von Feldern, Wahrscheinlichkeitswellen und, wie die Physik überhaupt, von Naturgesetzen, doch sie weigert sich in aller Regel weiter zu fragen: Worauf beziehen sich all diese Gesetzmäßigkeiten? Inwiefern sind sie die Grundlage der Welt?

Nun, man könnte ja sagen, sie sind das Verlässlichste, was wir kennen. Etwas worauf alles andere beruht.

Und das ist ein Widerspruch! Unsere Kenntnisse sind viel zu veränderlich, denn die Bedingungen, unter denen sie gewonnen werden - Voraussetzungen, Theorien, Instrumente, Versuchsaufbauten, Interpretationen - sind von uns selbst festgelegt. Nur so können wir sagen: "Unter genau diesen Bedingungen, erhalten wir dieses Ergebnis."

Aber die Voraussetzungen sind doch nicht willkürlich festgelegt, sondern das Resultat jahrhundertelanger Erfahrungen…

Ja, Voraussetzungen, die auf den Ergebnissen von Voraussetzungen beruhen. So schafft man sich eine mehr oder weniger stabile Realität.

Sie meinen durch Ignoranz?

Zu einem großen Teil, ja. Damit die Möglichkeiten nicht ausufern, müssen die theoretischen Voraussetzungen immer wieder neu eingeschränkt werden. Und wir können praktische Versuche nur durchführen, wenn wir klare Bedingungen festlegen.

Diese Versuchsergebnisse sind dann aber stabil?

Weitgehend, wenn man Fehler oder Ausreißer statistisch ausbügelt.

Also sind wir selbst zu verlässlichen Aktionen in der Lage. Warum sollten wir dann annehmen, dass unter gleichen Bedingungen woanders etwas anderes herauskommt?

Weil "woanders" andere Bedingungen bedeutet.

Gut, sagen wir, wir haben ein Gesetz, dass unter weitgehend gleichen Bedingungen weitgehend gleiche Resultate liefert und das so grundlegend ist, dass sich weitere Gesetze darauf beziehen müssen. Zum Beispiel das Gravitationsgesetz. Warum wollen Sie das nicht als Realitätsgrundlage anerkennen?

Meinen Sie das Newton'sche oder das Einstein'sche Gravitationsgesetz? Oder die Quantengravitation? Nein, Scherz.
Oder auch nicht. Denn solche Gesetze sind zu kompliziert, um wirklich grundlegend zu sein. Weil die Bedingungen, unter denen sie von Bedeutung sind, schon zu speziell sind. Aber ein Gesetz, das nicht "zu Land, zu Wasser und in der Luft" gilt, kann ich nicht als fest betrachten.

Müssen Sie immer so unpazifistische Anspielungen bringen?

Tut mir leid, ich habe als Kind nur Cowboy und Indianer gespielt. Muss wohl eine meiner Voraussetzungen sein.

Wir haben also nichts Festes, nichts Endgültiges. Was ist dann real? Haben Sie einen besseren Vorschlag?

Etwas, worauf alles andere beruht, muss so einfach wie möglich sein. Nur dann kann es in allem anderen enthalten sein und dort Struktur und Aktion bestimmen. Dieses Etwas ist sogar altbekannt.

Ach? Was ist es denn nun?

Wechsel.

Sie meinen Veränderung? So wie Heraklit nicht zweimal in denselben Fluss steigen konnte?

Fließen ist eine spezielle Form des Wechsels, mit vielen Zwischenschritten, die wir nicht ohne Weiteres auflösen können. Aber wenn Heraklit die Augen kurz schließt und wieder öffnet, hat er seinen Beobachtungsstandpunkt deutlicher gewechselt.

Moment. Er steht doch noch an derselben Stelle!

Im Verhältnis zum Fluss nicht. Er sieht einen anderen Fluss, und wer von beiden sich bewegt hat, weiß man nicht, ohne weitere Bezugspunkte hinzu zu nehmen. Zu diesen muss man ebenfalls wechseln und bildet so eine Ganzheit, die darüber entscheidet, was statisch ist.

Das heißt, stünde Heraklit auf einem Floß auf dem Fluss, würde sich das Ufer bewegen?

Ja. Aber da er meist zu Land unterwegs ist und sich überwiegend mit Leuten auf dem Land unterhält oder mit solchen, die sich mehr an Land aufhalten, nimmt das Land einen größeren Teil seines Bewusstseins ein und wird als Stabilitätsanker dominieren.

Was ist mit dem Seemann, der nun wirklich nicht allzu oft an Land ist. Hält er die Bewegung des Ufers etwa für primär und glaubt, es würde an ihm vorbeiziehen?

Ohne weitere Bezugspunkte könnte er das, so wie Ptolemäus die Sonne für äußerst beweglich hielt.

Aber wir wissen, er hatte letztlich unrecht. Wir konnten dies eindeutig ermitteln.

Weil wir einen größeren Beobachtungsstandpunkt eingenommen, unser Bewusstsein erweitert haben, in welchem die Position der Sonne stabiler ist als die der Erde. Ich gebe zu, wir haben damit eine allgemeinere Tatsache gefunden. Aber jede Veränderung ist die Veränderung von Verhältnissen zueinander. In der Ganzheit solcher Veränderungen ist die Position der Sonne stabiler.

Und wir kennen keinen Fall in dem es anders wäre!

Doch. Nehmen wir an, ein anderer Stern reißt die Erde aus der Umlaufbahn, und zwar entgegen der Umlaufrichtung der Galaxis. In diesem größeren, sozusagen galaktischen Bewusstsein ist die Position der Erde nun stabiler, da sich die Sonne schneller um das galaktische Zentrum bewegt. Nur wenn wir das altbekannte Sonnensystem zur Bedingung machen, ist die Sonnenposition fester.
Ich habe noch einen: Eigentlich bewegen sich Sonne und Erde beide um einen gemeinsamen Schwerpunkt innerhalb der Sonne. Die Sonne eiert also ein bisschen. Und da sie viel mehr Masse enthält, beinhaltet dieser Tanz genauso viel Bewegung wie der Umlauf der Erde!

Ist ja gut. Alles Verhältnisse von Veränderungen zueinander… Warum aber sprechen Sie hier schon von Bewusstsein? Sie haben es doch noch gar nicht definiert.

Weil wir ihm nicht entkommen können. Das heißt, wir müssen Bewusstsein mit dem Bewusstsein verstehen, ein Selbstbewusstsein ausbilden. Erst danach können wir versuchen, davon abzusehen, ohne uns zu verlaufen. In meinem Buch Die Erschaffung der Realität schreibe ich im ersten Viertel nur vom Beobachtungsstandpunkt. Der Blickwinkel ist für Realisten gewohnter, aber es ist die gleiche Abstraktion.

Sie sagten allerdings, der Wechsel sei die Basis. An welcher Stelle also kommt das Bewusstsein ins Spiel?

Es ist schon im Spiel, denn der Wechsel ist bereits Bewusstsein, sogar in der einfachsten Form. Nicht bloß weil wir ihn betrachten, sondern weil er etwas enthält, das wir bisher nicht ernst genommen haben: den Mittelpunkt. Nehmen wir den einfachsten denkbaren Wechsel zwischen zwei Was-auch-immer, hier nur repräsentiert von zwei wechselweise aufleuchtenden Quadraten:


Diese müssen auch nicht nebeneinander blinken, sondern können sich gegenseitig ersetzen. Wir brauchen dafür weder Raum noch Zeit. Es ist nur ein Wechsel des Vorrangs. Dennoch wird jedes Quadrat nur gegen das andere gemessen, sonst gäbe es keins von ihnen. Das heißt, jedes existiert nur im Wechsel, der Wechsel ist eine Ganzheit. Und eine Ganzheit hat einen Mittelpunkt.

Okay, und wo ist das Bewusstsein?

Sehen Sie nochmal hin. Die Quadrate dienen nur der Veranschaulichung. Es könnte sich um alles handeln, das sich auf irgendeine Weise voneinander unterscheidet, voneinander abgrenzt. Dieser Unterschied hat ein unendlich kleines Zentrum, ein Drittes sozusagen, das ebenso mit dem Wechsel steht und fällt wie die wechselnden Seiten. Nur eine solche Ganzheit kann wirken. Alles andere fällt auseinander.

Und was ist nun das Bewusstsein?

Bewusstsein ist eben diese ganzheitliche Wahrnehmung. Sie ist intuitiv und logisch, sie wird unmittelbar, also ohne notwendige Zwischenstufe, erfahren. Und doch kann sie aufgeschlüsselt, erweitert und verstanden werden. Sie ist selbstbezüglich und allgegenwärtig. Sie reicht ins unendlich Kleine und unendlich Große, ins Einfache und Komplexe. Sie ist das Allgemeinste unserer Wahrnehmung, und mehr als Wahrnehmung haben wir nicht. Was sonst wollen Sie einem Bewusstsein zuordnen?

Hm... Man könnte also auch umgekehrt sagen: Wir nehmen unsere ursprünglichste Wahrnehmung und schauen nach ihrer mindesten Struktur. Und das ist jene …

… Infinitesimalstruktur, ja genau. Der Einfachheit halber können wir sie I-Struktur nennen.

I-Struktur ist also Bewusstsein?

Ja.

Fehlt da nicht noch einiges? Zum Beispiel Gefühle? Oder die Wahrnehmung einer Farbe, eines Tones?

All das sind bekanntermaßen Schwingungen, also unterschiedliche Formen von Wechseln, die wir ganzheitlich wahrnehmen. Nun müssen wir aber aufpassen:
Was ich gerade beschrieben habe, ist das absolute Minimum, eine Bewusstseinseinheit. Ein solches Minimum kann sich von anderen Minima nicht unterscheiden, ohne mit ihnen schon eine größere Struktur zu bilden. Das bedeutet umgekehrt: Jede Bewusstseinseinheit kann nur innerhalb eines größeren Bewusstseins existieren, durch das ihre Eigenheit erst definiert wird.

Beißt sich so nicht die Katze in den Schwanz? Ich meine, sollten die Einheiten nicht ein größeres Bewusstsein aufbauen, statt durch dieses bestimmt zu werden?

Eins bedingt das andere. Das größere Bewusstsein braucht Elemente seiner Struktur und das elementare Bewusstsein braucht eine größere Struktur, in der es eine charakteristische Position einnimmt. Im Übrigen beginnen wir natürlich immer mit unserem Bewusstsein, das nicht so elementar sein sollte.

Was ist dann der Unterschied zwischen einer Bewusstseinseinheit und einem Elementarteilchen, wenn wir voraussetzen, dass ein solches wirklich elementar ist?

Das eben können wir nicht voraussetzen. Bisher haben wir noch jedes Teilchen nach kurzer Zeit zerlegt, wenn es das nicht selbst hinbekommen hat. Aber wenn es ein wirklich elementares Teilchen gäbe, könnte es nur wechselwirken, indem es in eine größere Beziehung tritt, und so hätte es das gleiche Problem wie die Bewusstseinseinheit. Es verliert seine Ursprünglichkeit, es existiert nur in der Beziehung.

Ursprünglich ist damit nur der jeweilige Ausgangspunkt der Wahrnehmung…?

Exakt.

Diese Wahrnehmung ist aber nicht so i-strukturiert, oder? Wir sehen ja Flächen, Körper und so weiter.

Doch, ist sie. Da wir immer nur Ganzheiten wahrnehmen, ist jede Veränderung einer solchen Wahrnehmung ein Wechsel der Ganzheit. Wenn Sie also einen Schritt zur Seite gehen, hat sich Ihre ganzheitliche Wahrnehmung, sagen wir eines Körpers, komplett geändert. Um die Veränderung zu bemerken, müssen Sie mit der Wahrnehmung der vorhergehenden Ganzheit vergleichen und haben wieder jenes Hin-und-her-Wechseln.

Hier gibt es aber viele Zwischenstufen. Ich nehme ja eine gleichförmige Veränderung meines Blickfeldes wahr.

Richtig. Das ändert allerdings nichts an der Grundtatsache des ganzheitlichen Wechsels. Ob er kontinuierlich stattfindet oder sprunghaft, ist zweitrangig. Ja, man kann sogar sagen, alle Wechselseiten sind immer auch unmittelbar miteinander verknüpft, da der einzige notwendige und immer vorhandene Übergangspunkt das infinitesimale Zentrum zwischen ihnen ist. Ein unendlich kleiner Übergang aber findet unmittelbar statt!

Wozu brauchen wir diesen Übergang, wenn er eigentlich nicht da ist?

Er ist zugleich da und nicht da. Deshalb ist er auch unendlich klein und nicht einfach null. Zum einen ist er als Zentrum genau bestimmt, zum anderen leer. Wir brauchen ihn genau so, als ein Nichts mit konkreter Bedeutung. Als konkretes Nichts.

Um sich diesem Punkt unendlich anzunähern bedarf es doch eines Übergangs zu ihm. Nun sagen Sie aber, dieser Übergang sei eigentlich nicht nötig, denn der Wechsel zwischen den Seiten erfolge sofort.

Das liegt daran, dass wir nichts als den Wechsel haben. Jede Zwischenstufe zum Zentrum hin wäre ebenfalls das Ziel eines Wechsels. So können wir den Zentralpunkt zwar über viele Zwischenwechsel annähern, genaugenommen aber bleibt jedes Zentrum sofort erreichbar. Doch da es beliebig eng umschrieben werden kann, wird es auch angenähert. Es ist sowohl unendlich klein als auch null.
Eine Bewusstseinseinheit existiert ja gar nicht, wenn sie nicht in eine Struktur übergeht. Sie hat nur Bedeutung innerhalb dieser Struktur, als deren fast infinitesimales Zentrum. Was ich als zwei wechselnde Was-auch-immer bezeichnet habe, sind eben solche Strukturen. Einen Wechsel zwischen nichts kann es natürlich nicht geben.

Wohl aber Wechsel schlechthin?

Ja. Denn alles wechselt und wir können über Wechsel an sich nicht hinausgehen. Er bildet die scheinbar statischen Gebilde der Welt, die ich deshalb "quasistatisch" nenne. Hin-und-her-Bewegungen, Rotationen, Wechsel in allen möglichen Formen.

Damit wird die Welt gewissermaßen ätherisch. Es gibt nichts Festes, keine Mindestgröße, nichts was man als wirklich materiell bezeichnen könnte. Wie ordnen Sie die Quantentheorie hier ein? In ihr gibt es ja zumindest das Planck'sche Wirkungsquantum als kleinste Recheneinheit.

Auch dieses Quantum wird bereits in Frage gestellt. Ebenso die Konstanz der "Naturkonstanten". Eine absolute Größe ist einfach nicht zu Ende gedacht. Jede Grenze kann überschritten werden, denn diese Grenze wird durch ihre momentane Überschreitung definiert. Probieren Sie es aus!

Die Quantenphysik beschreibt jedoch ganz andere Beziehungen, verschränkte Zustände sogenannter Teilchen: Nichtlokale Zusammenhänge, Wahrscheinlichkeitswellen und so weiter.

Ich bin geneigt zu sagen, solche unmittelbaren Zusammenhänge über große Entfernungen weisen in die Richtung, die ich vorhin beschrieben habe. Wir müssen allerdings sehen, dass die Feststellung eines unmittelbaren Zusammenhangs nur außerhalb der Unmittelbarkeit möglich ist. Wir müssen zu dem anderen Teilchen ganz normal hinübergehen, um seinen Zustand mit "unserem" Teilchen zu vergleichen. Deren sofortiger Zusammenhang ist eine Schlussfolgerung aus einem nicht sofortigen Zusammenhang. Dennoch spielt die Unmittelbarkeit hier eine deutlichere Rolle als in unserer Alltagsanschauung. Man kann schwerer von ihr absehen, da sie strukturell offenbar tiefer verankert ist. Besonders ihr Wahrscheinlichkeitscharakter deutet darauf hin.

Das bringt mich zu einer anderen Frage: In Ihren Büchern geben Sie dem Zentralpunkt noch weit mehr Bedeutung. Sie sehen in ihm sozusagen das Kontinuum der Welt verdichtet. Wie passt das hierher?

Nun, eine Bewusstseinseinheit als das absolut Kleinste vor der Null muss mit unendlicher Geschwindigkeit wechseln, denn es gibt ja keinen Zwischenraum für Verzögerungen. Doch sobald wir über diese Einheit hinausgehen, besser gesagt von ihrer Herleitung zurückkehren, kann sich das "Tempo" verringern. Und damit beginnen sich zwei Wahrnehmungsweisen des Wechsels zu unterscheiden: die quasistatische und die dynamische.

Die quasistatische Sichtweise haben Sie schon angedeutet…

Ja, es ist die Herausbildung scheinbar statischer Objekte aus dem Wechsel der Perspektive…

…die sich wiederum aus anderen, kleineren oder größeren Wechseln von Perspektiven ergibt.

Oder aus erinnerten und vorhergesehenen, aus gedanklichen und sensorischen, aus geträumten und wachbewussten Erfahrungen.

Das sind eine Menge Perspektiven, wenn man bedenkt, woraus die Welt so alles besteht!

So ist es. Und deshalb können wir mit unserem begrenzten Bewusstsein auch nicht allen nachgehen. Wir bewegen uns immer in einem relativ kleinen Rahmen und dann im nächsten und so weiter, während wir die jeweils anderen als Potential im Hinterkopf behalten. Wir können sie weitgehend wiederherstellen oder wenigstens für wiederherstellbar halten. Aber wir verlieren die Bewegung, den Wechsel nicht aus den Augen. Das ist die dynamische Wahrnehmungsweise. Ich nenne sie Gewahrsein.

Ist das Gewahrte bewusst?

Wenn wir in etwas hinein und wieder zurück wechseln, kann in keinem Moment beides voll bewusst sein. Dennoch müssen wir uns der anderen Seite gewahr bleiben, sonst verschwände auch der Wechsel. Wir sind uns also des Potentials zu ihrer Wiederherstellung bewusst.

Aber ist das nicht ein Widerspruch in sich? Das Ziel unseres Wechsels ist einerseits nicht bewusst, nur das Potential, und anderseits besteht der Wechsel aus beiden Wechselseiten gleichermaßen?

Wir müssen einfach begreifen, dass wir nur den Wechsel als solchen haben. Er beinhaltet beide Seiten, aber mit abwechselnder Priorität. Es gibt keine Pause, in der nur eine Seite oder beide Seiten zugleich da sind. Der Wechsel ist also gewissermaßen Potential.

Warum nur gewissermaßen?

Weil das Potential schon wieder als solches zu existieren scheint, wie ein quasistatisches Objekt, dessen Wechselbewegung uns nicht mehr bewusst ist. Doch wir haben nur den Wechsel als solchen. Wenn wir nicht immer wieder festfahren wollen, müssen wir uns daran gewöhnen, ihn als nichts anderes zu betrachten als er ist. Wir können ihn nicht zu einem statischen Objekt kondensieren und uns dann über Widersprüche beschweren!

Andererseits ist ein quasistatisches Objekt aber doch irgendwie statisch, oder nicht?

Nein, eben nur quasi.

Weil wir nicht genau hinsehen?

Ja, weil wir es nicht können. Sobald wir uns von einer Bewusstseinseinheit, oder von All-dem-was-ist, worauf wir sicher noch zu sprechen kommen werden, entfernen, haben wir eine begrenzte Wechselgeschwindigkeit. Das heißt, wir können nicht mehr ganz genau sein, nicht mehr alles erfassen, sondern müssen Näherungen bilden. Wir kondensieren scheinbar statische Objekte aus. Die Wechselbewegung wird dabei größtenteils verdrängt.

Wie muss ich mir dieses Auskondensieren vorstellen?

Schauen Sie sich das einfache Beispiel von vorhin an. Jetzt haben wir einen Abstand zwischen den wechselnden Seiten:


Es gibt also viele Zwischenstufen, wie Sie sagten. Dementsprechend gibt es auch viele Zwischenzentren, je nach dem, zwischen welchen Stufen gewechselt wird. Ein Gesamtzentrum gibt es dennoch. Nun können wir sogar zwischen diesem Zentrum und den Rändern wechseln, was neue Zentren ergibt und so weiter. Die Infinitesimalstruktur wird ihrem Namen schon deutlicher gerecht.

Aber ich sehe kein Kondensat.

Nicht? Dabei habe ich das Zentrum schon verdächtig groß gemalt! Dehnen wir das Ganze noch ein bisschen aus, zu einer Rotation der Seiten: 




Sehen Sie es jetzt?

Hm… Sie meinen das Ganze als solches?




Nicht nur. Das Ganze als solches ist durch die Wiederholung des Wechsels, die Abhängigkeit der Seiten voneinander, relativ stabil, doch seine Stabilität wird am meisten durch das Zentrum symbolisiert, da es sich am wenigsten bewegt. Weil das Ganze aber ausgedehnt ist, bildet sich sein repräsentativster Zentralbereich um den Mittelpunkt herum:




Wo genau, hängt nicht nur von der Änderung des Bewegungsverhältnisses im Bereich zwischen Mittelpunkt und Rand ab, sondern auch von der Wichtigkeit des Zusammenhalts. Denn dieser bestimmte Mittelpunkt gilt nur für genau diese Ganzheit. Er ist von allen Punkten am stärksten auf sie bezogen.

Verstehe, der Mittelpunkt wird nur in Bezug auf die Ganzheit bestimmt.

Genau. Je wichtiger also die Einheit des Ganzen gegenüber ihren Unterschieden ist, desto näher kondensiert der repräsentativste Bereich an der Mitte. Etwa so:




Von Raum und Zeit reden wir übrigens nur, weil wir uns daran gewöhnt haben. Eigentlich können auch wechselnde Traumszenen, Melodien oder was auch immer ein Zentrum umschreiben, eine Ganzheit fühlbar machen, die sich zu diesem Kern hin verdichtet.

Gut, ich sehe oder vielmehr spüre das Kondensat. Was ist dabei das quasistatische Objekt? Das Kondensat oder die Ganzheit?

Strenggenommen das Kondensat. Denn wenn wir mehr die Außenseiten beachten, wird es schon dynamischer, löst sich in wechselnde Blickwinkel auf. Doch wir können natürlich auch die Ganzheit als solche von verschiedenen Seiten betrachten, wobei wir ihr die Rolle des Objekts zuweisen und so weiter.

Wir verfestigen damit also unsere Vorstellung… Ich finde, Sie haben Wechsel und Ganzheit ohnehin dargestellt als wären sie abgeschlossen. Doch in der Welt hängt ja alles zusammen. Wie kommt denn der Anschluss an andere Wechselstrukturen zustande?

Man könnte auch zunächst anders herum fragen, warum sich die Seiten überhaupt wiederholen, warum es Umkehrpunkte der Bewegung oder Veränderung gibt.

Okay, warum?

Weil es sonst keinen Wechsel gäbe.

Aha. Es ist zwar schon etwas spät, aber nun müssen Sie Ihre eigene Frage auch beantworten.

Na schön, also warum Umkehrpunkte? Sie sind eine Seite des Wechsels und erscheinen so als Außenposten, der irgendeines Anstoßes für die Rückkehr bedarf. Doch man kann den Wechsel auch gleichsam umstülpen und beide Seiten zusammen als das Zentrum betrachten, das durch den Wechsel zu ihm hin und von ihm weg umschrieben wird. Dann ist die frühere Mitte der einzige Umkehrpunkt.

Ich glaube, ich habe da irgendwo einen Knoten…

Die Operation ist nicht symmetrisch, aber sie zeigt, dass beide Seiten nur zusammen existieren können. Sie sind eine aufgespaltene Mitte, aufgespalten durch den Wechsel. Jenseits davon ist nichts.

Außer anderem Wechsel... Moment mal. Sagten Sie nicht, jede Grenze könne überschritten werden? Dann muss es also doch etwas da draußen geben!

Und jetzt kommen wir zur Frage der Offenheit. Oder doch lieber morgen?

Na schön. Also bis morgen!


Dieser Text ist eine Auszug aus dem Buch
Bewusstsein als I-Struktur. Das Spiel der Unendlichkeiten

Bewusstsein als I-Struktur


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