Wider die Angst

Haben wir Angst, meiden wir ihren vermeintlichen Auslöser und verhindern einen vermeintlichen Schaden. Das ist der Sinn des Angst-Konzepts. Doch Meidung bedarf eigentlich keiner Angst.

Sie kann durch Zielorientierung ersetzt werden, also durch die Konzentration auf das Erwünschte und ein bloßes Randgewahrsein der Gefahr. Wie ein geübter Kampfsportler reagieren wir mit entschlossenem Vorstoß und gleichzeitigem Ausweichen nebenbei. Instinkt wird durch den Vorrang bewusster Entscheidung ersetzt: Statt "Nur weg!" heißt es "Dorthin!"

So können wir uns auf Erfolge freuen, ohne Misserfolge zu fürchten. Denn wenn wir trotz Zielorientierung einen Misserfolg erleiden, dann ohne unser bewusstes Zutun: Es bringt nichts, ihn vornan zu stellen. Erfolg jedoch muss anvisiert werden.

Allerdings, ob wir ein Ziel erreichen, hängt davon ab, wie tief, umfassend und intensiv wir es wünschen, nicht davon, wie sehr wir das Gegenteil ausschließen. Und auch nicht davon, wie ausschließlich wir das Ersehnte anstreben. Zielorientierung ist konstruktiv, im Sinn unserer Entwicklung, und Entscheiden bedeutet Freiheit. Angstfreiheit ist so gesehen Schaffensfreiheit.

Auch was eine angstauslösende Gefahr ist oder was ein Schaden wäre, glauben wir selbst. Mehr oder weniger bewusst. Wollen wir bewusster handeln, müssen wir deshalb unsere Annahmen über Ursachen und Wirkungen hinterfragen. 
  1. Lassen Sie dass, wovor Sie Angst haben, geistig bewusst zu. 
  2. Erforschen Sie die tatsächlichen Konsequenzen und deren tatsächliche Tragweite, für den Fall, dass das Befürchtete geschähe. 
  3. Klären Sie, warum Sie das Gegenteil wünschen (ein positives Ereignis) und verdeutlichen Sie sich die Tiefe dieses Grundes. 
  4. Lassen Sie nun das Befürchtete los im Vertrauen darauf, dass das Erwünschte gewiss eintritt, Sie aber auch das Gegenteil nicht umbringen würde.
Besonders intensive Ängste sind mit dem Gefühl für unsere Identität verknüpft. Fühlen wir diese bedroht, schaltet sich der Selbsterhaltungstrieb ein. Ist unsere Identität nun sehr eng gefasst, mit einer bestimmten Rolle oder Ich-Vorstellung verquickt, geschieht das sehr schnell. Schon eine bevorstehende Prüfung oder eine andere mäßige Bedrohung gefährden sie. Öffnen wir jedoch unser Selbstbewusstsein in unsere innere Tiefe hinein, können wir mit ihm mehr Rollen und Situationen erfassen und einordnen, so dass wir letztlich gar nichts verlieren. Oder wir können einige loslassen, ohne uns zu verlieren. Das ist eine sehr direkte Übung, und je besser sie gelingt, desto mehr Ängste auf einmal schwächen sich ab oder lösen sich auf.

Lockt die Angst mit einem unterschwelligen Nutzen, wie mit der Befriedigung eines Reizbedürfnisses oder mit der Geborgenheit im Rückzug, kann er durch ein gesundes Gegenstück ersetzt werden: Im ersten Fall durch positiven Stress (Sport, Problemlösen) und im zweiten Fall durch die Einsicht, dass echte Geborgenheit in der Offenheit beziehungsweise Angstfreiheit liegt, nämlich im Vertrauen auf das Wesentliche.

Lassen Sie nun die Angstenergie "ins Weltall" ab, ohne ihr eine konkrete Form zu geben. Oder binden Sie sie an ein gedachtes Objekt, das wirklich nichts mit Ihren Absichten zu tun hat, und "werfen" Sie es anschließend weg.