Hineinversetzen

Jemandem zu sagen, wir verstünden, was in ihm vorgeht, kann zum einen unglaubwürdig erscheinen. Zum anderen kann es seine Intimsphäre verletzen, unabhängig davon, ob wir richtigliegen. Haben wir recht, könnten wir damit Selbstlügen von ihm aufdecken, was ihn noch mehr in die Verteidigung drängte. Doch abgesehen von diesen Befindlichkeiten ist die Möglichkeit des Hineinversetzens in anderes Gewahrsein - und damit das Gewahrsein anderer - nicht nur theoretisch notwendig (Gewahrsein I und Gewahrsein II), sondern auch praktisch anwendbar.

Nehmen wir an, wir wollen einem Freund helfen, den gerade ein familiäres Problem bedrückt. Nach dem, was er uns schildert, stellen wir uns seine Situation vor und denken uns in sie hinein. Indessen würden wir wohl immer noch sagen, wir befänden uns selbst in jener Lage - nicht aber als er. "Er" ist eine Ganzheit, die wir nur insgesamt begreifen können. Wir können vielleicht Stück für Stück in sie hineinwachsen, aber "drin" sind wir erst, wenn wir sie in ihrer Totalität erfassen.

Manchem mag diese aufwendige Methode als die einzig logische erscheinen. Und dennoch verfügen wir über eine weitere, die wir ständig benutzen, die aber für ihren umfassenderen Gebrauch einige Übung verlangt. Ich meine die Verlagerung in die andere Richtung, in die eigene Tiefe, das Unterbewusstsein. Auch hierbei kann das Ziel vorher bekannt sein, aber der Weg zu ihm ist es nicht. Im obigen Beispiel werden wir von dem ausgehen, was wir über unseren Freund wissen, seine charakteristische Präsenz erspüren, und uns dann in unser Inneres versenken. Wir haben das Ziel vorgegeben und die Absicht, genau dort heraus­zu­kommen. Anschließend öffnen wir unser Inneres und mit ihm die Wege zu anderen Realitäten. Gelingt uns das Unternehmen, spüren wir ein Hineingleiten in den anderen Standpunkt, in das andere Gewahrsein. Wenn Sie sich einmal verdeutlichen, wie Sie sich normalerweise in andere Situationen versetzen, wird Ihnen dieses Verfahren gar nicht so fremd vorkommen. Sie werden bemerken, dass Sie meist mit beiden Methoden    zugleich arbeiten.

(Leicht veränderter Auszug aus meinem Buch Die Erschaffung der Realität)

Besonders in einen Menschen, mit dem Sie gar nicht klarkommen, können Sie sich tief "hineinbeamen", mit ihm vertraut werden und sich von dieser Vertrautheit auf das ihr zugrunde liegende Niveau führen lassen. Die Einsichten, die Sie auf diese Weise gewinnen, sollten Sie allerdings nur in vorsichtige Fragen und Vorschläge einfließen lassen (siehe oben). Ihre eigenen Vorurteile könnten doch Einiges verzerrt haben, an dem sich der andere sofort festbeißt. Deshalb regen solche Einblicke hauptsächlich zu einer Bestätigung auf anderem Weg an.

Falls Sie sich fragen, ob Sie jemanden direkt beeinflussen können, indem Sie sich in ihn hineinversetzen, machen Sie sich bitte klar, dass die Absichten des anderen viel tiefer wurzeln als die Wahrnehmungen, die Sie von ihm zurückbringen. Falls Sie sich bewusst so tief in ihn hineinversetzen könnten, würden Sie gerade dadurch ihre eigenen Absichten vergessen. Wenn Sie es aber nicht ganz so tief versuchen, sondern noch in sich verwurzelt bleiben, werden Sie sich eben deshalb mehr selbst manipulieren als ihn. Tut mir leid: Unser Einfluss steigt nur durch das größere Verständnis, das wir erlangen.

Dieses Verständnis hat natürlich auch Wert an sich: Es dient der Bewusstseinserweiterung und dem Seelenfrieden und harmonisiert unser zwischenmenschliches Verhältnis. Was fänden wir wohl, wenn wir dieses Gewahrsein auf die Natur ausdehnten?