Warum bitten?

Wenn wir nicht ewig den gleichen Fehler machen wollen zu glauben, wir hätten schon alles Wesentliche erkannt ("Krankheiten sind Flüche", "Atome sind unteilbar", "Nichts Schwereres als Luft kann fliegen", "Die Schallmauer ist undurchdringlich" und so weiter), müssen wir davon ausgehen, dass uns mehr beeinflusst als wir merken, und wir mehr bewirken können als wir wissen.

Möchten wir etwas erreichen, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Ziel und unser Tun dafür. Wenn es aber ein unbestimmtes Mehr gibt, das uns mit dem Ziel verbindet, ist es sinnvoll, mehr Erfüllung für möglich zu halten, als wir durch unser Tun erwarten. In flexiblen Situationen können wir damit rechnen, dass jenes Mehr auf unbekannte Weise mit einem bekannten Ereignis reagiert. Ein Zusammenhang mit unserer Absicht fiele uns nicht auf, da wir nicht danach suchen. Wir würden stattdessen Zufall wahrnehmen oder vertraute Hypothesen über Ursache und Wirkung anwenden, deren Überprüfung sich in diesem Fall anscheinend erübrigt. So wie wir es zu allen Zeiten meist taten.

Die Annahme eines wie auch immer gearteten Göttlichen hinter allem war dabei noch die intelligenteste. Warum? Weil Göttliches für Einheit und geordneten Zusammenhang mit der bekannten Welt stand. Und weil sogar der Frühmensch begriff, dass es sich letztlich um etwas handeln musste, dass ihn selbst in jeder Hinsicht übersteigt, auch an Intelligenz.

Wenn uns aber das, was zum Gelingen oder Nichtgelingen unseres Vorhabens beiträgt, an Intelligenz übersteigt und darüber hinaus größeren Weitblick und Wirkungsumfang hat, dann ist es durchaus angemessen, ihm unsere Absicht kundzutun. Und es macht Sinn zu bitten und zu danken, also auf den emotionalen Teil der Botschaft nicht zu verzichten.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch

Wahrhaftigkeit


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