Vom Wert enttäuschender Erfahrungen

Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine enttäuschende Erfahrung zum zweiten Mal machen, doch diesmal mit glücklichem Verlauf. Hat das noch so hohen Wert für Sie wie am Anfang? Wäre es noch so sinnvoll?

Ich finde nicht. Der zweite Aufguss schmeckt nicht wie der erste, auch wenn die Zutaten jetzt stimmen. Es kam offenbar auf die Erfahrung als solche an, unabhängig von Lust oder Frust. Das sind eher Zugaben. Die Erfahrung selbst mit all ihren Wirkungen ist es, die unser Leben bereichert, nicht so sehr das Glücksgefühl.

Dementsprechend kann es gar nicht so wichtig sein, ob wir unser Ziel erreichen. Vielmehr ist seine Vision Teil der Erfahrung. Angenehmes zu suchen ist Teil des Spiels, es zu bekommen nicht unbedingt. Doch wessen Spiel ist es?

Oder anders gefragt: Wer giert eigentlich nach Befriedigung? Das Ego, nicht wahr? Es braucht einen Köder. Etwas, dass es haben kann. Dann kann es sich draufsetzen und in die Brust werfen. Ich bin jetzt das!

Währenddessen war etwas Tieferes mit den wichtigen Dingen des Lebens beschäftigt: das innere Selbst. Für dieses Selbst war auch die Vision nicht mehr als ein Anker, einer der Bezugspunkte seiner Erfahrung. Weitere sind die eigenen Werte, denen es folgt. Welche das sind, können Sie herausfinden, indem Sie hineinspüren, was jene unglückliche Erfahrung so gehaltvoll macht, dass ihre glückliche Wiederholung weniger bedeutet. Was bindet Sie an jene Erfahrung? Welchen seelischen Nutzen haben Sie trotz Enttäuschung? Wenn Sie sich mit dieser Werterfüllung identifizieren, haben Sie deren höhere Harmonie auch schon verinnerlicht.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch

Wahrhaftigkeit


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