Optimismus tiefenrealistisch

Ein Leben, das über bloßes Dasein hinausgeht, kann sich Neutralität allein nicht leisten. Denn einem wirklich Neutralen wäre alles gleichgültig. Er müsste taumeln oder erstarren.

Doch der Optimist weiß weiter. Er ist realistisch, wenn er negative Erfahrungen als Warnschilder stehen lässt, ohne sie sich unnötig auszumalen. Er wird lieber an die angenehmen denken und solche für die Zukunft anstreben und hervorheben. Sein Ziel ist eine angenehme Realität, keine Illusion. Dazu gehört die Verschiebung des Unangenehmen dahin, wo er sich seiner nur noch am Rande gewahr ist. Denn wenn die Konzentration auf das Negative nichts Wesentliches mehr zur Erkenntnis beiträgt, darf sich das Positive frei entfalten.

Aber wenn es nicht geht? Wenn sich das Schmerzhafte immer wieder nach vorn schiebt oder alles andere herunterzieht? Dann gibt es noch etwas aus ihm zu lernen.

Manchmal ist eine angenehme Erfahrung so eng mit einer unangenehmen verknüpft, dass ihre Trennung nicht gelingt. Ich schlage vor, auch hier das Angenehme hervorzuheben, aber die Gesamterfahrung als solche zurückzuweisen. Übrig bleiben positive Werte, Gefühle und Lernergebnisse. Der Rest versinkt weitgehend. In dieser Form nun kann das Gesamtpaket akzeptiert werden "wie es ist".

Stecken jedoch Traumata hinter dem Pessimismus, bleibt nichts anderes als sie aufzuarbeiten: Rollen wechseln, Alternativen durchspielen, über die wahre Bedeutung klar werden, konstruktive Schlussfolgerungen ziehen. Ein therapeutischer Prozess.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch

Wahrhaftigkeit


Creative Commons Lizenz