Desillusionierung der Ideale

Ideale, die wir schon früh hegen, etwa eine glückliche Beziehung, ein erfüllender Beruf oder eine faire Gesellschaft, sehen wir gern in der Zukunft, da wo wir sie verwirklicht haben wollen. Doch wenn wir älter werden, verlagern sie sich irgendwie. In der Zukunft sind sie meist nur noch winzig. Falls wir "es" nicht geschafft haben, sind wir desillusioniert. Was ist aus unseren Idealen geworden?

Nun, wenn Sie noch da sind, sind sie jetzt dort, wo sie hingehören: in der Gegenwart. Sie haben sich nur zurückgezogen, ins Innere. Von dort aus wirken sie nach wie vor. Wir fühlen, was wir eigentlich wollen, und bilden so ein Hintergrundfeld, ein Leitmuster, von dem wir nur nicht wissen, wie wir es besser ausfüllen können. So schimpfen wir auf Partner, Job und Staat.

Allerdings, auch ein erfüllter Zustand widerspräche sich! Als Vollendung eines Fortschritts bereichert er das Leben, doch ist die Vollendung auf ihren Weg bezogen. Auf ihn blicken wir zurück und fühlen die Befriedigung, die Lösung, das Glück. Gehen wir nicht weiter, wird es fad.

Was bleibt, ist Herausforderung, nämlich diejenige unserer Fähigkeiten, unseres Potentials. Wie unvollkommen wir unsere Ideale auch leben, entdecken wir so doch mehr von uns selbst und werden auf diese Weise reicher. Suchen wir nach Harmonie, werden wir mehr von ihr in uns finden. Drangsalieren wir unsere Mitmenschen, finden wir uns auch, nur weniger und langsamer. Das Ideal ist in der Tiefe des Bewusstseins, das, was alle Menschen noch in dunkelsten Momenten scheinen lässt. Je größer die Herausforderung, desto mehr von einem Ideal müssen wir selbst verwirklichen. Je größer aber der Erfolg, desto mehr mögen wir von uns selbst erwarten.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch

Wahrhaftigkeit


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