Treue und Eifersucht - ein Problem?

Wer Ausschließlichkeit einer Beziehung anstrebt, will damit ihre Besonderheit hervorheben und verstärken, sie nicht durch Neben­beziehungen schmälern lassen oder ihren Verlust riskieren. Das geht so lange gut, wie sich beide Partner gegenseitig ausfüllen. Auf Dauer werden sie jedoch über ihre Beziehung hinauswachsen.

Selbst von Anfang an ist totale Ausgefülltheit unwahrscheinlich und ihr Erstreben fragwürdig. Die Intensität der Liebe steigt mit ihrer Tiefe, ja. Und mit naturgemäß begrenzter Liebesfähigkeit kann man zwei Partner nicht jeweils so sehr lieben wie einen einzigen Idealpartner. Insofern tendieren tief empfindende Wesen zum Vorrang einer einzigen Beziehung. Doch weder Tiefe noch Vorrang benötigen Ausschließlichkeit.

Bin ich zu tiefer Liebe fähig, haben auch oberflächliche Nebenbeziehungen in mir Platz. Das heißt, mit der Gefühlstiefe kann auch die Gefühlsbreite wachsen, ohne die tiefere Beziehung zu gefährden. Nebenbeziehungen - welcher Art auch immer - können die Hauptbeziehung vielmehr bereichern, indem sie zu ihrer Weiterentwicklung beitragen. Sie bleiben dann unterschwellig auf sie bezogen.

Das gilt auch für Nebenbeziehungen des Partners: Sie können entweder in die eigene Beziehung aufgenommen werden - man liebt die Anderen ein bisschen mit, weil der Partner sie liebt. Oder man betrachtet sie neutral, weil sie die eigene Person nicht betreffen. In beiden Fällen wird die Beziehungshierarchie gewahrt.

Die Sensibilität des Themas erwächst jenseits gewisser Instinkte auch daraus, dass "Beziehung" schnell mit Sex gleichgesetzt wird und Sex für viele der ultimative Gipfel einer Gefühlsbeziehung ist (wofür es gute Gründe gibt). Wenn dem so ist, wird eine "Nebenbeziehung" natürlich nicht toleriert, da sie eben gerade nicht "neben" ist. (Sieht das jede Seite anders, lesen Sie bitte Schweigen oder den Partner belügen?)

Probleme werden zudem wahrscheinlich, wenn die Bedeutung der Hauptbeziehung abnimmt. Gleichwichtige (und dabei nicht verlogene) Beziehungen konkurrieren fast automatisch miteinander: Jeder Partner muss fortwährend um den anderen werben und derjenige in der Mitte seine Liebe ständig jeder Seite beweisen. "Treueverträge" sind hier sinnvoll, um nicht immer wieder neu "verhandeln" zu müssen. (Und gemeinsame Kinder sind ein sehr guter Extra-Grund.)

Eifersucht ist jedoch nur ein unglückliches Wort für Verlustangst und Verlustschmerz, denn es beinhaltet die unsinnige Projektion der Ursachen auf den Rivalen. Wenn der Partner beim Anderen ist, ist er vielleicht vorübergehend verloren, mit seinen Gefühlen nicht bei Ihnen. Doch niemand ist für das, was er tut, im gleichen Maß verantwortlich wie er selbst. Hier mein Anti-Eifersuchtsprogramm:

  1. Entdecken Sie Ihre Unabhängigkeit von einem Partner.
  2. Begreifen Sie, dass Sie niemanden 100prozentig für sich beanspruchen können. Die Exklusivität der eigenen Beziehung beruht auf ihrer individuellen Besonderheit.
  3. Achten Sie Ihre Gefühle, aber machen Sie nicht dicht, sondern öffnen Sie sich vorsichtig und fördern Sie die eigene Beziehung, so dass die anderen in den Hintergrund treten.
  4. Die tieferen Gefühle des Partners oder seine Angst vor ihnen entscheiden. Berücksichtigen und respektieren Sie beides.
  5. Bleiben Sie sich des eigenen Wertes bewusst und machen Sie die flexiblen Grenzen deutlich.

Ihre berechtigten Erwartungen sind Verlässlichkeit und Tiefe der Beziehung, die nur schwer unter ihrer ständigen Bedrohung gedeihen.



Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch