Liebe tief und weit

(Das Kleingedruckte können Sie überspringen, wenn Sie All-das-was-ist noch nicht gelesen haben.)

Je tiefer Individuen einander lieben, desto mehr ist es eine Liebe ihrer Ideale. Die verwirklichten Seiten der Individualität bilden nur einen Teil der neuen Harmonie, einen der sich mit ihr bereits verändert hat. Das, was beide fühlen und anstreben, ist vielmehr das eigene geweckte Potential, welches auf den anderen und sein Potential anspricht. Es ist die (beginnende) Co-Verwirklichung verborgener wesenseigener Aspekte, die das ganze Leben verwandeln und verzaubern können.

Bedenken wir, dass alles Gewahrsein ineinander übergeht, sich zum Gewahrsein eines jeden Individuums zusammen­wickelt, aus dessen Tiefe sich dann nur ein Teil dieses gigantischen Potentials entfaltet, so hat Liebe auch universellen Charakter. Dabei muss die Liebe All-dessen-was-ist jedem unendlichen Gewahrsein als momentane Form seiner selbst gleich zugewandt sein.

Da mein Bewusstsein jetzt an der Spitze meiner individuellen Rangfolge aller Perspektiven steht, gilt ihm diese Liebe gerade vorrangig. Meiner ganzen unteilbaren Perspektiven­hierarchie gilt sie in diesem Moment sogar ausschließlich. Dennoch ist sie im selben Moment schon wieder einem anderen Gewahrsein zugewandt.

Wir Menschen untereinander entsprechen dem langsamer: Unsere tiefen Gefühle gelten in einem bestimmten Moment einem bestimmten Partner. Doch in anderen Phasen unserer Bewusstseinsbewegung gilt unsere Liebe anderen Menschen und Dingen. Inneren Vorlieben folgend unterscheiden sich dabei die Gefühlsintensitäten. Die allumfassende Liebe muss zwar ebenfalls zwischen Phasen (Fokussen) des Bewusstseins unterscheiden, aber ihre Intensität kann nur aus Sicht dieses Bewusstseins schwanken - immerhin ein weiteres Zeichen seiner Vielfalt.

In dem Maß, in dem meine Liebe zu jemandem steigt, werde ich versucht sein, die Beziehung zu ihm zu vertiefen und in alle möglichen Richtungen auszugestalten (ihren Umfang zu erweitern). Das heißt, ich versuche ihr Wesen, ihre Wahrheit zu leben.

Dies durch Ausschließlichkeit erreichen zu wollen, wäre sehr beschränkt. Denn wahre, tiefe Liebe kann viel mehr Seiten des Partners (Fokusse seines Bewusstseins) umfassen, als die, aus denen sie entsprungen ist. Ihre Ideale können auf diese Seiten "ausstrahlen" und besser noch: sie aus einem rechten Verständnis heraus integrieren. Wir können und sollen weder alles lieben noch alles gutheißen, doch solange unsere Prioritäten nicht in Frage gestellt sind, können wir lernen, unserer Liebe zu vertrauen wie der Liebe eines Gottes. Es ist eine Liebe, die über die eigene Selbsterfahrung hinausführt, ebenso wie über die Selbsterfahrung der Partnerschaft. Sie ist darauf angelegt, die Welt zu umfassen - auf eine einzigartige, individuell abgestufte und harmonische Weise.

Prioritäten sind nötig für die höchstmögliche Tiefe und Breite unserer Liebe - das optimale Verhältnis von Konzentration und Offenheit für ein natürlich beschränktes Wesen. Je tiefreichender die Hierarchie, desto umfassender sollte sie sein; aber auch je umfassender, desto tiefreichender. 

Schwierigkeiten entstehen, wenn Ideal und Realität zu weit auseinanderklaffen, wenn das geweckte Potential an vorerst unüberwindliche Grenzen stößt. Falls der Partner idealisierte, aber gehemmte Seiten von mir selbst auslebt und ich mich an dieser Wiedervereinigung mit ihnen erfreue, erlebe ich eine Enttäuschung an ihnen erneut als eigene Begrenztheit. Obwohl ich vielleicht aus gutem Grund nicht dasselbe wollte wie er.

In einer reifen Liebe allerdings habe ich so weit zu all meinen Aspekten gefunden, dass der andere sie nur noch erweitert, etwa um solche, die ich wirklich nicht selbst leben will, die meine Individualität harmonisch ergänzen, ohne etwas von ihr zu ersetzen. Sind sie aber auch keine Ergänzung, teile ich nur, was zusammenpasst, und lasse im Übrigen locker…


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch