Enttäuschungsschmerz vermeiden

Schmerz und Lust, beide bilden eine Sackgasse. Während uns der Schmerz "ehrlich" wieder wegtreibt auf seinen Nullpunkt, ist die Lust ein Ziel, das uns "verrät", das schwindet, nachdem wir es erreicht haben. Lust kann deshalb nicht alleiniger Zweck sein.

Letztlich "verrät" uns sogar der Schmerz, nämlich dann, wenn wir am Nullpunkt stehen bleiben: Er kommt erneut als Langeweile und treibt uns weiter, auf den Weg zur Lust. Sind wir inzwischen weise geworden, genügt sie uns jetzt in Maßen und kann immerhin dauern, solange wir sie in Bewegung halten.

Warum aber freut uns ein Gewinn weniger als uns sein anschließender Verlust schmerzt? Müsste eins das andere nicht aufwiegen, so dass es sich lohnt, einen sicheren Gewinn anzustreben, sofern nur die geringste Chance besteht, ihn zu behalten?

Ein Unterschied liegt im Ausgangspunkt: Wenn wir uns entscheiden, entweder auf ein Ziel zu verzichten oder es anzugehen, entscheiden wir über eine potentielle Wirklichkeit. Später, wenn wir sie realisiert haben, geht es jedoch um eine aktuelle Wirklichkeit, eine, die für uns intensiver existiert. Deren Verlust wäre also schmerzhafter als der Verzicht im Voraus.

Doch gerade angekommen im Glück sollten sich Freude und möglicher Verlustschmerz die Waage halten, nicht?

Nicht ganz, denn eins fehlt noch in der Bilanz: Der Aufwand mit dem wir unser Glück erlangt haben. Er wäre bei einem Verlust auch umsonst gewesen. Es sei denn, uns hat schon der Weg an sich Freude gemacht.

Darüber hinaus lässt uns Erfolg zuversichtlich in die Zukunft sehen. Verlust aber lässt uns den Blick senken - selbst wenn wir aus ihm eigentlich keine Zukunft ableiten können.

Ableiten können wir hier jedoch ein Erfolgsrezept:
  1. Wenn wir ein erstrebtes Gut nur um den Preis seines anschließenden Verlustes erlangen können (und dies wissen), verzichten wir von vornherein darauf.
  2. Wir streben ein Ziel nur an, wenn uns der Weg zu ihm als solcher Freude macht.
  3. Jeden Misserfolg untersuchen wir darauf, ob er tatsächlich in die Zukunft verlängert werden kann, und ziehen entweder eine nützliche Lehre oder ignorieren ihn.
Zu 1 und 2: Nur bei ausreichender Wahrscheinlichkeit den Erfolg genügend lange genießen zu können, weichen wir von diesen Punkten ab.

Zu 3: Nur wenn unsere emotionalen Reserven ausreichen, stehen wir nach einem Misserfolg wieder auf. Andernfalls erholen wir uns erst.

Es ist keineswegs immer sinnvoll "gleich wieder aufzustehen", da oft seelische Wunden und innere Warnungen zurückbleiben. Die seelische Arbeit kann die des Verstandes um ein Vielfaches übersteigen, besonders nach dramatischen Verlusten. Mit der Vernunft kann ich analysieren, ordnen, begreifen und damit der Seele helfen. Doch psychische Energien werde ich so nicht los, seelische Konflikte nur zum Teil und unwillkürliche Anhaftungen kaum. Aus den Konflikten und Bindungen aber kommt die hemmende Energie.

Was also tun wir in einem solchen Fall? Wir beziehen alles ein, was zum Drama gehört: Szenen, Gefühle, Glaubensannahmen. Der Verstand dirigiert, die Seele orchestriert. Der Zusammenhang weitet sich, die Psyche ordnet sich. Die Warnungen bleiben. Und wenn das Konzert vorbei ist, finden wir vielleicht sogar einen Grund diesen Weg zu schätzen.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch

Wahrhaftigkeit


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