Verlieben und Entlieben

  1. Am Anfang steht eine mehr oder weniger tiefe Grundresonanz: Harmonie, Sympathie, Vertrautheit.

  2. Nun werden immer mehr Merkmale und Eigenheiten des anderen einbezogen, auch zu ihnen Resonanz hergestellt. 
    Hier kann ein Verlieben noch verhindert werden. In welche Richtung - Erotik, Freundschaft, Verehrung - sich die Resonanz weiterentwickelt und ob überhaupt, hängt auch von der bewussten Betonung ab.

  3. Ab einem gewissen Umfang erotischer Resonanz sind wir verliebt. Alle übrigen Eigenschaften des anderen werden von diesem Gefühl überstrahlt. 
    Wenn ein tiefes Einlassen doch noch verhindert werden soll: Die Gefühle weder unterdrücken noch auf den anderen richten, sondern in die Umgebung oder von ihm weg "in die Luft" strömen lassen! Er ist dann nur der Auslöser der Gefühle, nicht ihr Gegenstand.

  4. Nachdem Anfangsverliebtheit und Energiefreisetzung nachgelassen haben, auch durch die Übernahme von Gefühlseinstellungen des Partners, kommen dessen nicht harmonierende Eigenarten zum Vorschein. Jetzt entscheidet sich, ob sie als passende Herausforderung angenommen oder toleriert werden können. 
    Ist das überwiegend nicht der Fall, wird auch die Liebe beeinträchtigt. Der Schmerz gewinnt die Oberhand als Ausdruck des zunehmenden Verlustes auch der harmonischen, verinnerlichten Aspekte und der Hoffnung.

  5. Die letzte Rettung, wenn alles zusammenbricht, ist das Empfinden der eigenen Identität. ICH existiere - sonst würde ich mir keine Gedanken machen. Und das ist ein Zentrum! Aus diesem Zentrum wird alles Weitere erschaffen, mit dem sich dann das Zentrum verlagert. So können wir uns zuversichtlich dem neuen Weg anvertrauen, im Fluss bleiben.

Das Empfinden der eigenen Individualität und ihrer Unzerstörbarkeit ist es auch, was uns das Kommen und Gehen ekstatischer wie schmerzhafter Gefühle gleichmütig beobachten lässt. Selbst das Verlieben und Entlieben. Der weitaus größte Teil unseres Gewahrseins ist so umfassend, dass sein Empfinden durch ein irritiertes Ego kaum verändert wird. Das ist der "gleichbleibende" Kern. Zugleich "teilen" wir diesen Kern mit allem und jedem.


Die Sehnsucht nach Ewigkeit einer großen Liebe wird erfüllt, nicht durch oberflächliche Fortdauer, sondern durch eine Tiefe, die sie über die Ewigkeit beliebiger Momente hinaushebt. Diese Liebe wirkt aus dem eigenen Wesen oder beider Wesensverbindung auf alle weiteren Ereignisse - bis sie sich irgendwann der Ewigkeit jedes Ereignisses nähert.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch