Verzeihen - muss das sein?

Wäre unsere Vergebung dem anderen sicher, müsste er keine Rücksicht auf uns nehmen. Offenbar braucht Vergebung mehr als unseren guten Willen. Ja, im Grunde ist Vergebung gar nicht nötig.

Wenn ich voll und ganz verstehe, warum der andere so gehandelt hat, wie er es tat, kann ich entscheiden, ob ich sein Verhalten akzeptiere oder nicht. Und welche Konsequenzen ich für mich daraus ziehe. Dies setzt meist voraus, dass der andere sein Verhalten selbst versteht und darüber spricht. Bereuen muss er es nicht und zu verzeihen gibt es auch nichts.

Versteht und bereut er sein Verhalten, habe ich wenig Grund, Konsequenzen zu ziehen. Er hat sich auch selbst verletzt, hat dies eingesehen und die Wiederholungsgefahr ist gering. Ich kann ihm verzeihen.

Versteht er aber sein Verhalten nicht, sondern bereut nur, mich verletzt zu haben, bleibt eine Wiederholung unter ähnlichen Umständen wahr­scheinlich, denn er hat sich offenkundig nicht unter Kontrolle. Meine Vergebung wäre hier ein zwar großzügiges, aber leichtsinniges Geschenk.

Was Vergebung mit Wiederholungsgefahr zu tun hat? Verletzung ist immer auch die des Vertrauens: in die eigene Sicherheit, den anderen, die Beziehung, sich selbst. Da Vertrauen langfristig angelegt ist, bewirkt Reue allein noch nicht seine Wiederherstellung. Es muss Gründe geben, die eine erneute Verletzung abwegig machen; und die vormaligen Ursachen müssen von beiden Seiten begriffen worden sein, so dass keine abgespaltenen Erlebensbereiche das Vertrauen wieder unterlaufen können. Erst dann stellt Vergebung die emotionale Reinheit her, die einen Neuanfang ermöglicht.

Mag der andere weder sich selbst verstehen noch bereuen, bekäme Vergebung etwas Heiliges. Wir müssten uns in ihn hineinversetzen, um ihn zu begreifen, dann aus irgendeinem Grund auf sein seelisches Wachstum vertrauen und inzwischen selbst nicht mehr verletzbar sein. Falls wir diesen übergreifenden, quasi göttlich liebenden Standpunkt nicht durchhalten können, wird unsere Vergebung schnell scheinheilig - und das dürfte die Regel sein.

Um einem Uneinsichtigen und Reuelosen zu verzeihen, sollten wir besser verstehen, dass er sich selbst keinen Gefallen getan hat. Seine Verständnislosigkeit für das eigene Tun und dessen Folgen ist eine Behinderung seines Erlebens. Er hat keinen Vorteil, auch wenn er sich das einbildet. Wir müssen ihn auch nicht zu dieser Einsicht bekehren. Es genügt, wenn wir uns selbst darüber klar werden, um unsere emotionale Verwirrung zu beseitigen. Vertrauen wird so allerdings nicht wieder hergestellt, und es gibt auch keinen Neuanfang. Stattdessen bleiben wir wachsam.

Natürlich setzt keine Form der Vergebung den Zähler wieder auf null. Einen Neuanfang in diesem Sinn kann es nicht geben, denn die geschaffenen Fakten sind jetzt anders. Irgendeine Form der "Wiedergutmachung" mag zwar der Gerechtigkeit auf die Beine helfen. Doch ob wir die Fakten akzeptieren und wie wir nun weitergehen ist unserem freien Willen überlassen.


"Ich werde verzeihen. Doch ich werde niemals vergessen."

Nelson Mandela



Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch