Echte Gefühle, falsche Tatsachen?

Kann man Tatsachen gegen Gefühle ausspielen? Besonders Frauen wird gelegentlich nachgesagt, sie ließen gerne mal fünf gerade sein, um ihre oder seine Gefühle nicht zu trüben. Dann war sie eben Schaufenster gucken statt mit dem Kollegen spazieren.

Nun können Gefühle zweifellos eine tiefere (umfassendere) Wahr­heit bedeuten als oberflächliche Tatsachen. So erscheint es zuweilen richtig, auf die Gefühle zu setzen und den Rest zu verdrehen. Doch dieser Widerspruch zwischen Tatsache und Gefühl ist selbst künstlich.

Da Tatsache und Gefühl zusammenhängen, wäre es auch nach jener Werteordnung verlogen, an einem eingebildeten Gefühl, sagen wir Liebe, festzuhalten, um eine Tatsache, sagen wir eine Ehe, aufrechtzuerhalten. Und die Ehe zu verschweigen, um die Gefühlsbeziehung zum Liebhaber zu retten, wäre ebenso klar daneben. Warum ist das einsichtig? Weil wir hier zwei gleichermaßen wichtige Dinge gegenüberstellen: Liebe und Ehe. So sehen wir auch sofort, dass das Gefühl selbst eine Tatsache ist. Die eigentliche Unstimmigkeit ist der Widerspruch zwischen zwei Tatsachen.

Was die mogelnde Person in allen Fällen macht, ist also nichts als gewöhnliches Lügen. Echte Gefühle machen eine Lüge nicht edel. Viel besser wäre es, im Gespräch die Verbindung zwischen bequemer und unbequemer Wahrheit wiederherzustellen, also an der Echtheit der Gesamtsituation zu arbeiten.

Dennoch gibt es eine Ausnahme: Die Verleugnung von intensiven Gefühlen, deren bloßes Eingestehen sie zur Unzeit entfesseln würde (Trauer, Leidenschaft), kann das einzige Gegenmittel sein - vorübergehend.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch