Schweigen oder den Partner belügen?

Offenheit und Achtung sind eine verlässlichere Basis für enge Beziehungen als Beschönigung und Mogelei. Denn je mehr wir unsere tiefe Verbindung nur auf einer gefälligen Oberfläche ausleben, desto mehr geht von ihr verloren und desto mehr Zeit haben wir verschwendet. (Auch anfangs spielerisch versteckte Werte wollen ja letztlich offenbart und gelebt werden.)

Statt zu lügen ist es ehrlich, wenigstens zuzugeben, dass man etwas nicht sagen will. Sofern der andere dies respektieren kann.

Allerdings legt "Sag ich nicht" oft schon eine erwartete Antwort nahe. Doch diese Offenheit, dieses Schweben lassen, kann und sollte eine Partnerschaft zulassen. Denn für seine Erwartungen ist jeder selbst verantwortlich. Der Schweigende mag dabei versichern, dass es sich nicht um etwas Wichtiges handelt - sofern es zutrifft.

Wenn nun aber "Sag ich nicht" wirklich bereits zu viel sagt, kann eine Lüge das einzige Mittel des Schweigens sein (so wie Heimlichkeiten auch allgemein zu Lügen führen, wenn es darauf ankommt). Ich schlage jedoch vor, eine solche Lüge aufzuklären, sobald es die Umstände zulassen. Damit haben wir auch in diesem Grenzfall ein Maximum an Ehrlichkeit gelebt.

In wichtigen Dingen freilich ist Schweigen schlecht, ob erklärt oder nicht. Selbst wenn die Dinge nur einer Seite wichtig sind. Unser Gewissen verlangt nach einer Offenheit, die ungefragt das Interesse des anderen bedient - so wie wir es von ihm erwarten. Wahrheit ist Ausdruck.

Dazu höre ich oft, die Wahrheit wäre für den anderen verletzend. Doch verletzend kann nur etwas Unverstandenes sein: Wirklich Verstandenes muss man akzeptieren als das, was es einfach ist - samt Schmerz - oder es widerlegen. Offenheit setzt also Verständigkeit des Partners voraus (im Sinn von "verstehen können", nicht von "Verständnis haben") und andererseits das Vertrauen darauf. Ob er dann auch Verständnis hat, ist seine Entscheidung, die nun ebenso zu respektieren ist wie die eigene Freiheit etwas zu tun, das ihm nicht gefällt.

Schweigen oder gar Lügen wäre demnach gerechtfertigt, wo das Nichtverstehen des Partners abzusehen ist. Aber auch da noch ist es fairer, ihm zu überlassen, was er verstehen will. Nur sein eindeutiges Unvermögen zu verstehen rechtfertigt zweifelsfrei eine Lüge. Denn in diesem Fall würde die Wahrheit ohnehin nicht ankommen.

Das Vertrauen in den Lügenden kann erhalten bleiben, wenn ich weiß, dass er diese Möglichkeit nur ausnahmsweise in für mich unwichtigen Angelegenheiten gebraucht. Ich vertraue dann darauf, dass er "richtig" lügt.

Dagegen würde eine Beziehung, in der in wichtigen Angelegenheiten Schweigen herrscht, eines wesentlichen Aspektes entbehren. Und wenn sich nicht beide in gleichem Maße über diese Beschränktheit im Klaren sind, wird das Vertrauen einer Seite missbraucht.

Die Kriterien, die zusammen eine Offenbarung besonders nahelegen sind also:
  •  Es ist eine enge Beziehung.
  •  Es ist wichtig für den anderen.
  •  Er kann es wahrscheinlich verstehen.
  •  Er würde es wissen wollen.


Zusammenfassung als Vertrauenskodex


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch