Gute Illusionen und mäßige Rollen

Illusionen können nützlich sein, wenn sie bestimmte, für mich, den Illusionierten, sinnvolle Aktivitäten bewirken. So zum Beispiel in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis, wenn mich mein Lehrer belügt, um mich auf eine Spur zu setzen, auf der ich die Wahrheit selbst finden soll. Ich vertraue dem Lehrer dabei als solchem und habe mich auf sein Spiel eingelassen. Zwischen der Wahrheit und der Lüge besteht eine höhere Harmonie.

Eine Illusion mit einer gewissen Verwirklichungschance kann auch als Fixpunkt für meinen weiteren Weg dienen, als Ausdruck eines Ideals, dem ich zustrebe, dessen Idealität mir aber nur manchmal klar ist. Auch hier besteht eine höhere Harmonie, wenn sich das wahre Potential besser durch die anziehende Illusion verwirklicht. So gehen wir mit einer Menge Illusionen ins Erwachsenenleben und würden sicher vieles nicht anpacken, wenn wir wüssten, wie viele Abstriche wir wahrscheinlich noch vornehmen.

Bleibe ich mir über eine Illusion unterschwellig im Klaren, zum Beispiel wenn ich sie bewusst gewählt habe, um eine bestimmte Erfahrung zu machen, dann ist sie natürlich nicht vollständig. Besonders im Kino und Theater ist die Illusion so flüchtig, dass ich mir freiwillig Dramen aussuche. Dennoch kann mich das Spiel vereinnahmen, so dass ich die Schauspieler hinter ihren Rollen vergesse.

Nun spielen wir ja auch selbst viele Rollen: Vater/Mutter, Kind, Kollege, Kumpel, Liebhaber, Clown und so weiter. Und jede Rolle davon ist wahr - als Rolle. Wenn eine Kollegin aber mich kennenlernen will, muss sie sich auf den Gesamtzusammenhang meiner Rollen (jedenfalls der wichtigen) einlassen. Dann weiß sie mehr über den wahren Claus, sie erfasst einigermaßen meinen Kern, mein Wesen. Je isolierter dagegen meine Rolle, desto illusionärer ist sie.

Liebe insbesondere kommt nicht gut mit einer Rolle aus, da sie naturgemäß so viel wie möglich vom geliebten Individuum zu erfassen sucht und die eigene Wahrheit ans Licht bringen will. Liebe und Show zu kombinieren, ist ein Kurzschluss zwischen Tiefe und Oberfläche, dessen Energie sich schnell erschöpft.

Selbst wenn jemand sein Wesen als Rolle unter anderen benutzt, um etwas zu erreichen, also mit Berechnung aufrichtig ist, degradiert er es damit zur Halbwahrheit. Denn diese Rolle ist jetzt eben nicht der Kern, sondern das rechnende Ego ist es.

Falls allerdings das Ego nur verzerrungsfrei das Wesen vereinfacht, drückt es die Wahrheit zwar nicht erschöpfend, aber harmonisch aus und verkörpert damit eine authentische Rolle. Kommt es von anderen Aufführungen immer wieder auf sie zurück, lässt sich auf dieses Individuum bauen. 


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch