Wie können wir vertrauen?

Gibt es eine Wahrheit, die nicht feststellbar ist? Das wäre offenbar ein Widerspruch in sich. Etwas Existierendes muss wirken. Also ist es grundsätzlich wahrnehmbar: wenn wir hinsehen, wenn wir aus Erfahrungen schlussfolgern, wenn wir hineinspüren.

Natürlich kann unsere Wahrnehmung jederzeit durch neue Eindrücke relativiert oder als äußerst subjektiv erkannt werden. Dennoch ist es sinnvoll, ihr zu vertrauen - wenn wir sie von mehreren Seiten untersucht und hinterfragt haben. Dann haben wir das Restrisiko so weit reduziert, dass wir künftig mit einer gesunden Wachsamkeit in den Augenwinkeln auskommen. In einer Beziehung rechtfertigt dies auch unser offenes, aktives Vertrauen in den anderen, das ihn seinerseits zu vertrauenswürdigem Handeln anregt. Selbst Lebensziele, denen wir so vertrauen, werden sich nähern.

Blindes Vertrauen ist demgegenüber nichts als Blindheit, es ist bedeutungslos. Echtes Vertrauen ist ein Loslassen aufgrund innerer Bindung: an ein Kondensat von Erfahrungen oder an das Wesen eines anderen Menschen. Letztlich ist es ein Vertrauen in die Sinnhaftigkeit des Lebens, dem wir angehören und dessen Wechselfälle in größerem Rahmen einen Sinn ergeben, der uns zumindest zur Erforschung unserer Selbst einlädt.

Das Restrisiko akzeptieren wir deshalb auch am besten dadurch, dass wir uns mit den Konsequenzen auseinandersetzen, die eine Enttäuschung des Vertrauens nach sich ziehen würde. Das kann schmerzhaft sein, keine Frage. Doch der Lohn ist Zutrauen in das Ungewisse und in uns, die wir diese Konsequenzen ziehen würden. Wir haben sie jetzt schon akzeptiert und sie sind nun längst nicht mehr so bedrohlich.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch