Die Wahrheit sagen

Eine Wahrheit betrifft mehr als ein Individuum. Denn das unterscheidet Wahrheit von Illusion. Deshalb verlangt sie nach Mitteilung. Ohne ihren Ausdruck hätte die Entdeckung einer Wahrheit wenig Sinn. Sie könnte ihrer Gültigkeit nicht entsprechen. Sie bliebe unterdrückt.

Gewissen rührt dementsprechend von der Identifikation mit dem anderen her, man empfindet für ihn: "Wenn er wüsste, dass ich lüge, wäre er verletzt" - unabhängig vom Risiko erwischt zu werden. Ich fühle wie wenn er es tatsächlich weiß - umso mehr je verbundener ich ihm bin. Also lüge ich nicht.

Wenn ihn aber auch die Wahrheit schmerzen würde? Dann habe ich die Wahl zwischen dem Schmerz der Wahrheit und dem Schmerz der Heimlichkeit.

Während der Schmerz der Wahrheit Größe beinhaltet und die Chance zu Harmonie und Wachstum bietet, schmälert Heimlichkeit unsere Verbindung, verstärkt den Schmerz durch diesen Verlust wie auch durch meine verringerte Selbstachtung und bietet allenfalls Scheinharmonie. Würden Sie das wählen?

Manche belügen sich zuerst selbst und dann den anderen, um ihrem schlechten Gewissen zu entgehen. Denn was ich mir selbst antue ist ja meine Sache, oder? Ja, aber es ist schlimmer: Ich schmälere die Verbindung zu meinem Innern, meiner Echtheit. Der Betäubung opfere ich damit etwas Größeres als die Beziehungsqualität: die Harmonie meines Selbstverständnisses.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch