All-das-was-ist (Gewahrsein II)

Wenn jede Perspektive individuell ist und wenn Strukturen nur durch umschreibende Wechsel entstehen, dann kann Wechsel nicht auf das Gewahrsein (I) eines Menschen beschränkt sein. Vielmehr muss jeder beliebige Standpunkt, jeder Wirkungsort wechseln und aus Wechseln hervorgehen. (Letztlich ist es der Wechsel unendlich kleiner Punkte einer I-Struktur - definiert in Bewusstsein I).

Diese Konsequenz zieht weitere nach sich: 
  1. Wir müssen uns grundsätzlich in das individuelle Gewahrsein anderer Menschen (und sogar in nichtmenschliches) hinein­versetzen können. In der Tat fühlen wir uns ja in andere ein, könnten uns sonst nicht mit ihnen verständigen. Wir nähern uns ihren Standpunkten zumindest immer wieder an und unterhalten uns so mit Personen, die ihnen ähnlich sind. Würden wir uns vollständig hineinversetzen, wäre unser Bewusstsein schnell überfordert und müsste das meiste ins Unterbewusste verdrängen. 
  2. Der Wechsel eines Standpunktes ist der Wechsel der ganzen Realität (eine Umordnung des Realitätstrichters), nämlich von einer vorhergesehenen, wahrscheinlichen Realität zu einer noch wahrscheinlicheren, der aktuellen Realität. Während die eine Realität Vorrang erhält, fallen die anderen in ihre nachrangige Position. Sie werden oder bleiben potentiell, so wie es die jetzt vorrangige war. Doch sie verschwinden nicht: Sie sind weiterhin gewahrte Standpunkte. 
Ein Standpunkt als Wirkungsort, als momentaner Realitätsgipfel und Zentrum strukturbildender Veränderungen, geht weit über das hinaus, was wir normalerweise unter "Bewusstsein" verstehen. Ein solcher Punkt kann überall sein, in einer Ameise, in einem Stern, im Vakuum. Er wäre nichtssagend, wenn kein Wechsel in ihm gipfelte, keine Umschreibung ihn bestimmte. Es gibt letztlich nur Wechsel als solchen - allumfassend und deshalb unendlich schnell: All-das-was-ist.

Bildet die Form des Wechsels eine Umschreibung (Ameise, Stern, Raum), beginnt sie, diese bestimmte Bewegung anderen vorzuziehen und sie gleichsam herauszufiltern. Durch verflochtene Wiederholung erscheint die Bewegung langsamer, obwohl der allumfassende Wechsel nach wie vor stattfindet. Nur ist er jetzt weitestgehend verborgen (tief im Kanal des Realitätstrichters). 
  • Da umschreibende Formen von Beginn an das ausbilden, was wir als Bewusstsein erkannt haben (Bewusstsein I), können wir auch von einem allumfassenden Bewusstsein sprechen.
  • Da der Wechsel niemals aufhört und nur zwischen mehr oder weniger Bewusstem stattfindet (Bewusstsein II), erkennen wir ein allumfassendes Gewahrsein.
  • Da Bewusstsein auch Wahlfreiheit bedeutet, haben wir es mit einem wählenden allumfassenden Gewahrsein zu tun. 
Manche würden so etwas "Gott" nennen. Einen Gott, der in allem und jedem "lebt", da alles eine Phase seiner Bewegung ist. Zugleich befindet "Er" sich auf einem so unvorstellbaren Weg, dass seine Entscheidungen letztlich "unergründlich" sind. Andererseits aber sind unsere Entscheidungen ein Teil der seinen. Das heißt, was wir beschließen ist wichtig. Es erschafft ein weiteres Gewahrsein All-dessen-was-ist, eine einzigartige Hierarchie des Bewusstseins, eine vollständige Realität. 

Und nur unsere Realität folgt unserem Weg. Sogar in Gott ist er neu.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem theoretischen Teil meines Buches
Wahrhaftigkeit. Mit welchem Bewusstsein wir Realität erschaffen

Wahrhaftigkeit


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