Radikaler Konstruktivismus - ein Hohlkörper?

Radikale Konstruktivisten sprechen nicht davon, dass wir Realität erschaffen, sondern dass wir Wirklichkeit konstruieren. Was ist der Unterschied?
 
„Realität erschaffen“ heißt letztlich alles erschaffen, ohne Ausnahme. „Wirklichkeit konstruieren“ heißt äußere „Störungen“ interpretieren und so Wirkungen formen.

Damit hat der Konstruktivist den kleineren Anspruch, aber um den Preis der Inkonsistenz. Er kommt nicht umhin, eine äußere Wirkursache einzubeziehen, die seine Konstruktion wesentlich bestimmt. Was diese offenbar vorstrukturierte Wirkung ausübt kann er jedoch grundsätzlich nicht erkennen und will er auch nicht wissen. Wichtig ist nur noch, was in den eigenen Lebenszusammenhängen nützlich ist, wobei „Nützlichkeit“ ebenso konstruiert und damit von jenem außenstehenden Etwas mitbestimmt ist usw.
 
Stattdessen könnte er auch zugeben, dass es eine äußere Realität gibt, deren Wirkung er nur weiterkonstruiert. Doch damit würde er nichts wesentlich Neues sagen. Und wenn er schon ihre Vorstrukturiertheit zugibt, kann er auch gleich weiterfragen, was es noch alles „vorzuerkennen“ gibt. Und damit schafft er die Radikalität des Konstruktivismus ab.
 
Kann es demgegenüber eine komplette Realitätserschaffung durch uns geben? Ja, wenn man neu definiert, was mit „uns“ gemeint ist. Wenn ich sage: „Ich erschaffe Realität“ und meine mit „ich“ mein wachbewusstes Ego, dann ist das eine enorme Verkürzung. Dieses Ego nimmt wahr, wählt und gibt Anstöße (Impulse). Das ist sein Beitrag. Doch spätestens mit der Schöpfung von Himmel und Erde wäre es hoffnungslos überfordert. 
 
Eigentlich erstaunlich am Ich sollte sein, dass es zum einen nirgendwo eine letzte Grenze hat und zum anderen, dass es einzigartig ist. Und darüber hinaus, dass dies für jeden beliebigen Wirkungsort gilt. Denn es bedeutet eine Prioritätenhierarchie von Wirkungen, die sich in alle anderen Individuen – jene ausgedehnten Ichs und Orte – hinein erstreckt, ohne mit ihnen zu verschmelzen. Damit erschaffe ich - als unendliches Individuum - meine Realität komplett, einschließlich Himmel und Erde. Mehr oder weniger bewusst. Was nach dem Tod meines wachbewussten Egos übrigbleibt, sind die Realitäten anderer Individuen. Und nach der Menschheit sind es noch alle anderen Wirkungsorte.
 
Sind für mich aber die Welten der anderen Individuen real? Ja, insofern als ich mich in sie hineinversetzen, zurückkehren und mich an dieses Potential erinnern kann. Und insofern als alle unbegrenzten Individuen aus diesen Bewegungen heraus eine Näherungsrealität abstimmen, die ihnen weniger fremd (aber noch immer individuell) ist. Die Details entnehmen Sie bitte meinem Buch Die Erschaffung der Realität

Letztlich haben wir es mit einer erforschbaren dynamischen Realität hinter den offensichtlichen Wirkungen zu tun, und mit einer individuellen Realität, die aus einem hochfrequenten Wechsel von Individuen ständig neu kondensiert. Zur Realität der anderen trage ich nur als Aspekt dieses Austauschs bei, doch der konstruktivistische „Hohlkörper“ ist dynamisch gefüllt.

Gibt es dann überhaupt ein unabhängig von mir und einem beliebigen Bewusstsein existierendes Sein?

Nein. Die Grenze zwischen Wahrnehmung und "Sein" wird schon dadurch überbrückt, dass wir, um uns ein "Sein" vorzustellen, ein Stück in dieses "hineingehen" müssen. Selbst wenn wir uns kein Sein vorstellen wollen, aber gezwungen sehen, eine Grenze des Wahrnehmbaren zu definieren, haben wir sie prinzipiell schon überschritten. Die Relativität dieser Grenze ist also nichts Neues. Wenn wir nun untersuchen, was es mit dieser Überschreitung und Grenzen überhaupt auf sich hat, finden wir die grundlegende Dynamik des Beobachtungsstandpunktes (letztlich des Individuums). Damit ist der Wechsel der Wahrnehmung das Grundlegende und ihre relative Konstanz bedarf der Begründung - so wie unsere Gewohnheit, künstlich losgelöste "Dinge" praktischerweise für alle gleichermaßen gültig zu halten. Wir nennen sie dann "real". Doch genau betrachtet ist diese Realität eine individuell und kollektiv erschaffene, die je nach Bewusstseinstiefe der dynamischen Konstruktion mehr oder weniger stabil erscheint. Da es keine endgültige Grenze gibt, ist auch diese Tiefe nicht begrenzt. Erklärungsbedürftig ist stattdessen die Begrenztheit unseres Selbstbewusstseins.

Bewusstsein als I-Struktur


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